Theater-Podcasts – Hip oder Hype?

Der Zwang, den eigenen Webauftritt permanent zu modernisieren, macht den Häusern mächtig Druck. Nach der simplen Internetseite mit Namen, Fakten und Inszenierungs-Infos kam das Muss, professionelle Fotos einzustellen. Danach musste interaktive Software her, um Tickets online zu verkaufen und in Foren die Zuschauermeinungen einzufangen. Und nun reden alle von Videos, die junge und medial verwöhnte Zielgruppen auf die Klappsitze locken sollen. Denn Video-Teaser lassen sich rund um die Uhr und unabhängig von den Sendezeiten klassischer TV-Sendezeiten ansehen. Als Podcasts kann man sie zusätzlich herunterladen und mobil nutzen. Soweit klingt das alles schön und gut. Doch stehen Kosten und Nutzen von Theater-Podcasts überhaupt in einem angemessenen Verhältnis?

Dass der Internet-Benutzer zunehmend im Netz audio-visuelle Inhalte erwartet und auch fleißig nutzt, ist tatsächlich unbestritten. Laut einer aktuellen Online-Studie schauen sich bereits 16 Prozent von 40 Millionen deutschen Web-Surfern regelmäßig Videos an. Tendenz steigend. Der größte Zuwachs geht dabei interessanterweise von Frauen und über 50jährigen aus, also dem klassischen Kultur-Klientel ( http://www.daserste.de/service/studie.asp ).

Doch gehen die Video-Nutzer deshalb auch öfter ins Theater? Die Antwort ist nicht öfter, sondern gezielter. Seit es die Möglichkeit gibt, sich schnell und umfassend über Autoren, Intendanten, Schauspieler, Stücke und Inszenierungen im Web zu informieren, ist das Publikum wählerisch geworden. Die Erfahrung zeigt dabei, dass Videos auf Internetseiten von Kulturanbietern zu nahezu 90 Prozent auch angeklickt werden, sofern sie nicht von unerfahrenen oder lustlosen Webseiten-Betreuern irgendwo auf einer der hinteren Seiten „vergraben“ werden. Web-Videos anzubieten ist also mittlerweile kein überflüssiger Luxus mehr, sondern eine sinnvolle Ergänzung der Öffentlichkeitsarbeit.

Dafür spricht gerade auch die Möglichkeit, Video-Inhalte auf den eigenen Rechner zu laden. Denn in naher Zukunft werden alle Reporter, Korrespondenten und Kulturredakteure ihre Artikel online mit Multimedia-Elementen anreichern. Zeitungen, die kein eigenes Know-How im TV-Bereich haben, werden Fremdproduktionen verwenden, solange sie inhaltlich neutral sind und die redaktionelle Freiheit nicht behindern. US-Printmedien machen uns den Weg schon vor ( http://video.on.nytimes.com/index.jsp ).

Umfragen unter Theatermanagern zeigen, dass nicht das „Ob“, sondern das „Wie“ eines Podcast-Angebots die wahren Rätsel aufgibt. Denn gelungene Video-Podcasts sind mehr als nur bewegte Bilder einer Aufführung. Seit es Consumer-Kameras gibt, werden Theaterstücke von Laien oder Mitarbeitern zur Dokumentation „mitgeschnitten“. Das so genannte Web 2.0, also der Trend, dass Internet-Nutzer ihre eigenen Web-Inhalte produzieren, unterstützt diese Option zur Selbstdarstellung noch. Inhäusig hergestellte Videos sind jedoch meist schlecht geschnitten, manchmal von schlechter Bildqualität und selten wirklich sehenswert. Die Alternative, sich von Filmhochschulen kostenfrei Kurzfilme drehen zu lassen, ist zwar wesentlich interessanter, kann aber auch nicht überzeugen. Die Qualität ist zu wechselhaft, die Macher zu unerfahren und die Ergebnisse oft wenig unterhaltend. Eine Ausnahme bildet vielleicht ein Projekt der TU-Braunschweig ( http://www.theater-tv.com ) bei dem mehrere regionale Theater kurze Standard-Produktionen präsentieren.

Ein Video für jede Premiere mit Szenen-Bildern, Proben-Ausschnitten und Interviews von Regisseuren und Schauspielern – das wäre eine tolle Sache, heißt es in Theaterkreisen. All das, was das professionelle Kulturfernsehen von ARTE, 3Sat, ARD und ZDF auch  bietet. Doch das schaffen nur Fernseh-Profis zu Gagen, die das Werbe-Budget einer normalen deutschen Bühne weit übersteigen.

Was tun?

Und damit kommen wir wieder zum Anfang. Kleine spezialisierte Podcast-Agenturen von Fernsehprofis bieten vielleicht noch am ehesten eine Lösung. Das Berliner Unternehmen www.form-art.tv entwickelt zum Beispiel Video-Formate, die wie kleine Dokumentar-Filme aufgebaut sind und auf redaktionelle Vertonungen durch Sprecher verzichten. Satt dessen sorgen allein Interview-Sequenzen für den inhaltlichen Input. Da die Aufnahmen meist bei Proben und Backstage aufgenommen werden und die künstlerischen Mitarbeiter zu Worte kommen, bieten die etwa 4minütigen Filme gegenüber der Aufführung einen echten Informationsgewinn. Die Macher von form-art.tv haben schon für 3Sat, ZDF, n-tv und CNN gearbeitet. Es ist also für Theater möglich, auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittenes Profi-Fernsehen einfach einzukaufen.

Bei Preisen im vierstelligen Bereich stellt sich allerdings immer noch die leidige Frage der Kosten. Auch dafür haben Podcaster wie oder moderne Online-Unternehmen eine Antwort gefunden: Sponsoring.

Kultur-Sponsoring kann durch Online-Produkte wie Video-Podcasts erstmals mit echtem Marketing verbunden werden. Denn Förderunternehmen können je nach Geschmack einzelne Produktionen finanzieren, oder aber ganze Saison-Programme. Förderbeträge werden dadurch sehr variabel. Von der schlichten Namensnennung im Abspann bis zur Ankoppelung eines Werbe-Clips an das eigentliche Video ist als „Gegenleistung“ alles denkbar. Selbst der Auftritt eines Sponsors im Film ist redaktionell machbar und bietet Raum, inhaltlich interessante und zuschauerfreundliche PR-Wege zu gehen.

Fazit: Video-Podcasts im Online-Angebot von Opern und Theatern werden künftig Standard sein. Das Rennen um die beste Bezugslösung hat bereits begonnen. Selbst die Kamera in die Hand zu nehmen bringt unbefriedigende Ergebnisse. Studenten auf die Stücke loszulassen ist zwar kostengünstig, aber unprofessionell. Wer stattdessen Qualität einkauft und dabei auf Sponsoren setzt, muss nicht mal das Budget belasten.

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