„…die Menschen, die wir erreichen wollen, erwarten Teilhabe.“

Thorsten Schmidt, Gründer und Intendant des Int. Musikfestivals Heidelberger Frühling im Interview mit TheaterManagement aktuell (Ausgabe 66 -> jetzt bestellen)

TheaterManagement aktuell: Herr Schmidt, als Intendant und Geschäftsführer des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling kennen Sie die Probleme des Festivalmarktes aus erster Hand. Welches sind aus Ihrer Sicht die aktuellen und die zukünftigen Probleme, mit denen sich die Festivals im Land auseinandersetzen müssen?

(Foto: fotodesign berlin)

Thorsten Schmidt: Eine der Hauptfragen ist die Frage nach der Relevanz klassischer Musik in unserer Gesellschaft. Der Bildungskanon, der unserem Publikum früher selbstverständlich war, gilt in dieser Form nicht mehr. Die Publikumsschichten, für die es selbstverständlich war, ein Konzertabonnement zu haben, gibt es nicht mehr. Unsere Gesellschaft ist pluraler geworden. Mit vielen unterschiedlichen Interessen und kulturellen Wurzeln. Darauf müssen wir Antworten finden, Programme entwickeln, die mit aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten umgehen.

TheaterManagement aktuell: Wer kann was ändern? Haben die Festivalbetreiber die Entwicklungen verschlafen?

Thorsten Schmidt: Nein, ganz im Gegenteil. Gerade Festivals bieten ja die Formate an, die regen Zulauf haben. Sie treffen den Zeitgeist mit Ihrer zeitlichen Begrenzung, dem Status des Besonderen und der Möglichkeit, sich konzentriert mit Musik auseinanderzusetzen. Einen Festivalzeitraum kann sich der gestresste Mensch im Zeitalter der Globalisierung freihalten. Hier wird eine bestimmte Anzahl von Veranstaltungen frühzeitig gebucht. Das Festival wird als Abstand von der Schnelllebigkeit des Alltags wahrgenommen.

TheaterManagement aktuell: Welche Genres werden es in Zukunft besonders schwer haben?

Thorsten Schmidt: Wenn es nicht gelingt zu zeigen, dass klassische Musik neben rein ästhetischen Kriterien eine Relevanz für unsere heutige Zeit hat, wenn man Musik nicht in einem interessanten Kontext anbietet und zur Auseinandersetzung einlädt, sondern nur museal präsentiert, könnte es passieren, dass für mache Konzertreihen nicht ausreichend Publikum nachwächst.

TheaterManagement aktuell: Was sind die typischen Fehler der Festivalmacher?

Thorsten Schmidt: Das Problem sind nicht so sehr vermeintliche Fehler von Festivalveranstaltern. Es ist eine Frage von Werten in unserer Gesellschaft. Bildung wird heute als verwertbarer Faktor unseres Humankapitals gesehen. Allein der Begriff Humankapital ist schrecklich. Wir haben eine Verkürzung der Schulzeit, die Bildung des Charakters, mit ausreichend Zeit sich zu entwickeln und seinen Horizont zu erweitern, tritt in den Hintergrund. Das hat Auswirkung auf die Auseinandersetzung mit Kunst. Festivalmacher reagieren, sie entwickeln Angebote, zu denen sie einladen. Sie sind aber nicht in allererster Linie Bildungsinstitutionen. Ihr vornehmster Zweck ist es, Räume für Kommunikation zu öffnen, Debatten anzustoßen, zum Nachdenken anzuregen. Sie können aber nicht gesellschaftliche Fehlentwicklung wieder gerade biegen. Der Homo oeconomicus ist eine sehr eindimensionale Sichtweise auf den Menschen.

TheaterManagement aktuell: Welche Rolle spielt der Aspekt der Marke eines Festivals aus Ihre Sicht in diesem Zusammenhang?

Thorsten Schmidt: Meines Erachtens ist die Marke nachrangig. Am Anfang der Arbeit muss die künstlerische Idee stehen. Was will ich mit welchen Mitteln erreichen oder bewirken? Wenn es eine klare Idee gibt, ist ein Festival authentisch. Und ein Festival mit einem hohen Maß an Authentizität weist dann auch die wesentlichen Faktoren für eine Marke auf. Ein Markenkern entwickelt sich aus dem inhaltlichen Anspruch, aus dem was man tut. Das kann ich dann in der Kommunikation für die Marke nutzen.

TheaterManagement aktuell: Wenn es am Geld liegt, wie können Festivals Ihrer Meinung nach attraktiver für Sponsoren werden?

Thorsten Schmidt: Wir müssen als Festivalmacher Unternehmen und Menschen, die unsere Idee unterstützen sollen, mit ihren Interessen ernst nehmen. Wir müssen sie verstehen. D.h., eine vernünftige Beziehung zwischen Geldgebern und Festivals basiert stets auf einem ernsthaften Kommunikationsprozess. Wenn ich zu einem Unternehmen gehe und es bitte mich zu unterstützen, muss ich mir vorher die Mühe machen, das Unternehmen und seine Ziele zu verstehen. Dann findet sich in meinem Programm auch etwas, was das Unternehmen für seine eigenen Zwecke nutzen kann.

TheaterManagement aktuell: Wo sehen Sie die Grenzen der Vermarktung?

Thorsten Schmidt: Alle Aktivitäten, die nur auf den Effekt ausgerichtet sind und keine Verbindung zum Inhalt haben.

TheaterManagement aktuell: Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Thorsten Schmidt: In der Kommunikation mit der gesamten interessierten Öffentlichkeit. Die digitale Revolution führt dazu, dass die Menschen, die wir erreichen wollen, Teilhabe erwarten. Deshalb muss sich die Form ändern, in der wir als Festivalmacher auf Menschen zu gehen. Das Internet bietet hier eine riesige Chance. Nicht als Marketinginstrument sondern, als Möglichkeit, im virtuellen Raum Kommunikation über künstlerische Inhalte zu ermöglichen. Und diese Ermöglichung von Kommunikation ist schließlich eine der Aufgaben von Festivals. Wenn ich mich derart gegenüber dem Publikum öffne, muss ich es natürlich auch aushalten, dass ich im Internet z.B. das Besitzrecht an meiner Marke verliere. Menschen, die begeistert sind von dem, was wir machen, wollen mitreden, ihre Meinung sagen. Wenn ich diesen Wunsch als Chance begreife, bekomme ich unglaublich viele Anregungen für meine Arbeit und es entsteht eine Gemeinschaft um mein Festival herum.

TheaterManagement aktuell: Was erhoffen Sie sich von der Tagung: festivals 3.0 – eine möglichkeit zukunft zu gestalten?

Thorsten Schmidt: Den Beginn eines Diskurses. Wir haben viel von der Krise des Konzerts gehört, von aussterbendem Publikum. Ich wünsche mir, dass die Tagung ein erster Schritt ist, um sich wieder auf die ganz konkrete Aufgabe von Festivals zu konzentrieren. Wir habe die Möglichkeit zu gestalten, wir haben die Möglichkeit, das Miteinander, das Denken in einer Stadt in einer Region zu bereichern. Wir haben die Möglichkeit, an unserem Standort einen Beitrag zur kulturellen Identität zu leisten. Diese Chance sollten wir wahrnehmen. Wenn die Tagung ein erster Schritt ist diese Ansicht kontrovers zu diskutieren und den Faden nicht abreißen lassen, habe ich mein Ziel erreicht.

TheaterManagement aktuell: Wo setzen Sie konkret beim Internationalen Musikfestival Heidelberger Frühling an, um mögliche Probleme gar nicht erst zu solchen werden zu lassen?

Thorsten Schmidt: Wir leben all das, was ich gerade gesagt habe. Wir bieten Kommunikationsmöglichkeiten, wir laden zu Austausch und Auseinandersetzung ein, indem wir Teilhabe ermöglichen. Das passiert in der Festival Akademie mit offenen Proben, Workshops den Gesprächen mit Künstlern und Stipendiaten. Wir lassen unser Publikum auf der Plattform 60tagefruehling.de am Entstehungsprozess des Festivals teilhaben, hinter die Kulissen schauen. Wir führen Kunstformen zusammen wie z.B. Ballett und Lied. Wir senken, wo es nur geht, die Distanz zwischen Bühne und Publikum. Wir arbeiten mit dem Material, das unsere Stadt bietet, und versuchen identitätsstiftend zu wirken. Und wir genießen einfach gemeinsam mit dem Publikum großartige Künstler in festlichen Konzerten. Die Mischung macht‘s.

Thorsten Schmidt

Gründer und Intendant des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling

Das 1997 aus der Taufe gehobene Festival gehört mit mittlerweile jährlich rund 35.000 Besuchern und einem innovativen Programmkonzept zu den renommiertesten Musikfesten Deutschlands. Der diplomierte Volkswirt und passionierte Sänger begann seine Laufbahn in der Unternehmensberatung, bevor er als Orchestergeschäftsführer in Mainz und Heidelberg langjährige Managementerfahrung mit seiner Leidenschaft für Musik verband. Mit Vorliebe entwickelt der gebürtige Oldenburger Projekte, die sich mit innovativen Veranstaltungsformaten und Präsentationsformen auseinandersetzen. Zuletzt führte Schmidt Stipendiaten der Heidelberger Festival Akademie mit John Neumeiers Bundesjugendballett für zwei erfolgreiche Koproduktionen zusammen.

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