„Verknüpfung der verschiedenen technischen Systeme wird immer wichtiger“

Interview mit Hans-Joachim Rau, Technischer Direktor Volksoper Wien

TheaterManagement aktuell: Herr Rau, Sie sind neuer Technischer Direktor an der Volksoper Wien und waren zuletzt zehn Jahre in gleicher Funktion am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Mit welchen Innovationen und Veränderungen müssen sich Theater aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren auseinandersetzen?
Hans-Joachim Rau:
Jede Innovation im technischen Bereich kostet Geld – und das wird zunehmend knapper. Die große Herausforderung liegt darin, die kürzer werdende Halbwertszeit der technischen Einrichtungen und die steigenden Ansprüche seitens des Zuschauers und der Kunst zu finanzieren. Gleichzeitig wird Theater jeden Abend von Hand gemacht. Eine große Anzahl von Spezialisten arbeitet dort. Diese können nicht durch Technik ersetzt werden. Das Live-Erlebnis muss im Focus bleiben und dazu müssen wir uns aller (technischen) Mittel bedienen können. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns technisch hoch rüsten müssen, um auch hochwertig produzieren zu können und die Ansprüche, die an uns herangetragen werden befriedigen zu können.

TheaterManagement aktuell: Welche Vision für das Theater der Zukunft haben Sie?
Hans-Joachim Rau:
Theater kann ein lebendiger Ort in unserer urbanen Gesellschaft sein. Ich bin der Überzeugung, dass dies nicht nur ein passiver Vorgang der Rezeption durch die Zuschauer von Theatervorstellungen sein muss. Gerade der Prozess der Herstellung von Theater kann, nicht nur im geistigen Sinne, veröffentlicht werden und im Nahbereich des Theaters Effekte zeigen, die bislang in ihrer Bedeutung unberücksichtigt bleiben. Dies kann zur Entwicklung oder gar Veränderung der stadträumlichen Bereiche in der Umgebung von Theatern führen und ganze Stadtviertel beeinflussen.

TheaterManagement aktuell: Wie lässt sich Ihrer Meinung nach die Idee eines derartigen Theaterquartiers umsetzen?
Hans-Joachim Rau:
Viele Herstellungsprozesse des Theaters können veröffentlicht werden, indem  Verknüpfungen unseres täglichen Schaffens mit dem urbanen Stadtraum hergestellt werden. Interaktive Ströme entstehen dabei über Einrichtungen, die Bestandteil des Theaters sein können, wie z.B. Buchladen, Copyshop, Künstlerbedarf, Werkzeugbedarf, Kostümverleih, Änderungsschneiderei, Modeatelier, Schuhmacherei, Hutmacherei, Cafébar, Büros für Lichtplanung & Lichtberatung, Studiovermietung, Elektronikhandel, Reparaturwerkstatt für dies und das, Gebrauchtwarenhandel und Dekorationsverkauf, Antiquitätengeschäft, Marketing und Werbebüro und vieles mehr.

TheaterManagement aktuell: Wie lässt sich dieser Anspruch an Theater mit dem aktuellen vielfach eher elitären bis solitären Selbstverständnis der Akteure im Theater vereinbaren?
Hans-Joachim Rau:
  Dieser Anspruch muss sich nicht mit dem Selbstverständnis der Akteure vereinbaren lassen. Das Theater tritt aus seiner abgeschlossenen Welt heraus und wird in Folge zu einem produktiven Ort der künstlerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung in einer kleinräumigen Abbildung. Dies ist zunächst keine künstlerische Frage, sondern eine viel pragmatischere: Wollen wir die Voraussetzungen dafür schaffen und unsere Theater und Kulturbauten dazu nutzen, städtebauliche Entwicklung voranzutreiben und das innerstädtische Leben lebenswert zu erhalten bzw. dieses wieder zurück zu holen. Eine Chance.

TheaterManagement aktuell: Richten wir den Blick auf das Innenleben des Theaters. Hier definiert die verfügbare Bühnentechnik auch den Rahmen für die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten.  Wie weit darf die Hochtechnisierung im Theater und speziell auf der Bühne aus Ihrer Sicht gehen? Wie viel Technik ist Ihrer Meinung nach tatsächlich nötig, was ist wünschenswert und wo wird eine Grenze erreicht?
Hans-Joachim Rau:
Technik im Theater hat nicht immer eine nur dienende Funktion, sondern kann durchaus auch im künstlerischen Sinne verstanden und eingesetzt werden. Ich sehe die Grenze da fließend. Deshalb muss sich Theatertechnik immer mit den aktuellsten technischen Entwicklungen auseinandersetzen und hinkt diesen gleichzeitig auch immer hinterher. Gerade in unserem Repertoiretheater ist es aber notwendig, dass grundsolide Technik eingesetzt wird, die funktioniert, die simpel zu bedienen und zu handhaben ist. Dies ist oftmals ein Widerspruch, in dem jedoch eine sehr produktive Kraft steckt. Wir müssen uns mit den neuesten Techniken auseinandersetzen und wissen, dass diese Entwicklung nicht zum Stillstand kommen wird. Gerade diese Auseinandersetzung ist für die Umsetzenden der künstlerischen Ansprüche und Ideen eine hervorragende kreative Aufgabe und fordert die Bereitschaft zu stetigem Lernen.

TheaterManagement aktuell: Was erwarten Sie von einer optimalen Bühnentechnik?
Hans-Joachim Rau:
Die optimale Bühnentechnik funktioniert und arbeitet immer zuverlässig und berücksichtigt, dass wir in einer sehr gefährlichen Umgebung arbeiten und gerne gefährliche Dinge tun. Sie ist aus dem Theater heraus und für das Theater entwickelt und lässt sich von den Mitarbeitern intuitiv und sicher beherrschen. Sie darf nicht zum Selbstzweck und zum limitierenden Faktor werden und bewegt sich damit in dem Spannungsfeld von höchster und aktuellster Komplexität und größtmöglicher Einfachheit.

TheaterManagement aktuell: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter? In welcher Richtung gibt es hier Entwicklungsbedarf?
Hans-Joachim Rau:
Wir müssen in der Lage  sein, die zunehmende Technisierung auch in die künstlerischen Ausdrucksformen des Theaters einfließen zu lassen. Dazu müssen wir sie kennen, verstehen und begreifen können. Genauso wie wir am Theater über viele Jahrzehnte hinweg ein einmaliges Spezialistentum und hohes Kulturgut in vielen Bereichen erschaffen haben und aufrecht erhalten wollen, müssen wir uns auch mit den laufenden Anforderungen im Bereich der technischen Neuentwicklungen beschäftigen und diese für unsere Arbeitsprozesse nutzbar machen. Motivation sowie Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter ist die notwendige Grundlage dazu.

TheaterManagement aktuell: Wo sehen Sie den größten Nachholbedarf in Punkto Bühnentechnik?
Hans-Joachim Rau:
Künftig wird die Verknüpfung der verschiedenen technischen Systeme immer wichtiger werden. An welchen Stellen wird künftig was gesteuert. Die Digitalisierung der Systeme bringt hier hohes Entwicklungspotenzial. Die Frage, wie sich hier die verschiedenen technischen, bislang voneinander getrennten Bereiche künftig miteinander verständigen, wird von zentraler Bedeutung sein.

TheaterManagement aktuell:  Die Schere zwischen künstlerischen Ansprüchen und den verfügbaren Mitteln geht immer weiter auseinander. Wie können Theater mit begrenzten Budgets dennoch uptodate bleiben? Wo sehen Sie unausgeschöpfte Einsparpotenziale?
Hans-Joachim Rau:
Theater können nie wirtschaftlich arbeiten. Wir können an verschiedenen Stellen über effektivere Verfahren nachdenken, und an dem einen oder anderen Punkt herum laborieren. Das tun wir auch ständig. Die Einsparpotenziale sind aber aus meiner Sicht gering. Ich bin da eher pessimistisch. Wir haben an vielen Theatern Einsparungen vorgenommen, die einen geordneten Betrieb nicht mehr gewährleisten und letztlich die Qualität herunterfahren.

TheaterManagement aktuell: Welche Pläne haben Sie für Ihre Zeit an der Volksoper in Wien?
Hans-Joachim Rau: Ich werde meine Arbeitskraft, meine Erfahrung und mein Wissen weiterhin für die schönste Sache der Welt einsetzen. Theater!

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