Anecken, stören, widerspenstig sein – und sparen

Ein Beitrag von Tanja Daßler
(Foto: Presseamt Münster – MünsterView)

Als „Donnerschlag“ in der Theaterarchitektur feierte die Fachpresse den Neubau der Städtischen Bühnen Münster durch die Architekten Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau. Das Stadttheater war der erste Theaterneubau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Gebäude wurde zwischen 1952 und 1956 von dem jungen Architektenteam entworfen und unter der Intendanz von Hermann Wedekind realisiert. 1971 wurde dem Großen Haus (955 Sitzplätze) mit dem Kleinen Haus (rund 280 Plätze) eine zweite Spielstätte angegliedert, die aufgrund ihrer variablen Raumsituation vornehmlich den Erfordernissen zeitgenössischer, experimenteller Theaterformen gerecht werden konnte.  Das Theater Münster vereinigt heute mit dem Musiktheater, dem Schauspiel, dem Jungen Theater, dem TanzTheaterMünster sowie dem Sinfonieorchester Münster fünf Sparten unter einem Dach. Mit rund 30 Premieren bei ca. 600 Aufführungen pro Spielzeit bietet das Theater der Stadt und der Region ein vielfältiges Programm, das durch die Produktionen der Niederdeutschen Bühne, zahlreiche Gastspiele, Lesungen, Vorträge und Ausstellungen ergänzt wird.
In der Spielzeit 2012/13 haben das Theater Münster und das Sinfonieorchester Münster insgesamt 186.224 Besucherinnen und Besucher in den Bereichen Theater und Konzert gezählt. Damit sind die Besucherzahlen um rd. 4.000 gegenüber der vorherigen Spielzeit gestiegen. Die Anzahl der Vorstellungen betrug insgesamt 672. Das finanzielle Gesamtbudget des Hauses belief sich auf rd. 23,7 Mio. Euro, hauptsächlich finanziert durch den Zuschuss der Stadt Münster mit rd. 19,3 Mio. Euro.
2012 übernahm Dr. Ulrich Peters die Leitung des Theaters und verjüngte das Haus gleich durch eine Namensänderung. Aus den Städtischen Bühnen Münster wurde das Theater Münster. Ein kleiner Kunstgriff mit dynamischer Wirkung. Mit seinem Programmansatz konnte Peters in den vergangenen zwei Jahren die Besucherzahlen des Hauses steigern. Gemeinsam mit Schauspiel-Chef Frank Behnke strebt er für die Zukunft sogar die Marke von 200.000 Besuchern an. In der laufenden Spielzeit zählt Peters bereits knapp 7.000 Besucher mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Und auch bei den Abo-Zahlen legte Münster um mehr als zehn Prozent zu. Und der Druck ist hoch. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde Peters mit Einsparforderungen in Millionenhöhe und drohendem Spartenabbau konfrontiert. Mit den Worten: „Wir sollten hier erst einmal anfangen, gutes Theater zu machen“, wurde er damals in Medien zitiert. Es scheint ihm gelungen zu sein. Wenngleich der Spielraum zum Anecken, Stören und Widerspenstig sein eingeschränkt ist, liefert das Theater Münster engagiertes Theater das ankommt.
Auf dem Weg zum Ziel sollen in der kommenden Spielzeit Opern-Blockbuster von Bizet, Smetana und Puccini behilflich sein. Mit „Carmen“, „Die verkaufte Braut“ und „La Bohème“ soll der Gipfelsturm im Musiktheater gelingen. Peters selbst nimmt sich das Musical „Anything goes“ von Cole Porter vor. Experimenteller wird es mit dem Stück „Joseph Süss“ von Detlev Glanert, das als Koproduktion mit dem Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz, Peters‘ früherer Wirkungsstätte und dem Theater Erfurt nach Münster kommt. Vielseitigkeit verspricht Schauspiel-Chef Behnke mit einer Mischung aus Klassikern und Erstaufführungen von „Urfaust“, „Maria Stuart“ bis zu Borcherts „Draußen vor der Tür“. Auf unterhaltsame Form rechnet Behnke mit „Detroit“ von Lisa D‘Amour mit bürgerlichen Träumen ab. Bequem unbequem. Auch die Sparten Tanz, Konzert und Kindertheater haben spannendes zu bieten.
Im Oktober 2014 findet zudem zum dritten Mal das Internationale Theaterfestival Halbstark statt. Das Kooperationsprojekt von Kulturamt und Theater Münster sowie dem NRW KULTURsekretariat wird auch 2014 unter der künstlerischen Leitung der niederländischen Regisseurin Silvia Andringa stehen. Mit dem Festival richten sich die Veranstalter vorwiegend an die Altersgruppe der 9- bis 13-Jährigen in Münster und Umgebung. In diesem Jahr 2014 steht das Festival unter dem thematischen Schwerpunkt „Innere Räume“. Gezeigt werden Produktionen aus  dem benachbarten Ausland sowie des Jungen Theaters Münster in ca. dreißig Vorstellungen an unterschiedlichen Theaterspielorten in Münster, in Klassenzimmern und an ausgewählten Spielstätten in der Region Münsterland. Die Freie Szene in Münster wird die Festivalrunde mit Theaterexperimenten und neuen theaterpädagogischen Projekten mitgestalten. 2010 und 2012 sahen über 10.000 Besucher Schauspiel, Tanz, Figuren- und Musiktheater aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien und Polen. Ergänzt wurde das Programm durch  Lesungen, Ausstellungen, Vorträge, Kinder-Uni, Fach-Exkursionen sowie Fachtagungen, Inszenierungsgesprächen, Ideen-Pools und kulturpolitischen Podien. Ähnlich unkonventionell kommt auch die Kooperation des Jungen Theater Münster mit dem freien Theater Fetter Fisch in Form des Institutes für Angewandte Wirklichkeitsverwechslung daher.Mit dem Projekt ALLES GEREGELT? WIR SPIELEN WIRKLICH! machen sich das Junge Theater und das Theater Fetter Fisch an die Erforschung der Rolle des Spiels für die Wahrnehmung von Wirklichkeit. Gemeinsam begeben sie sich für zwei Spielzeiten auf die Suche nach der ästhetischen Erfahrbarkeit von Regel und Spiel, um diese mit narrativen und performativen Mitteln für Kinder zwischen 9 und 13 Jahren erlebbar zu machen. Die Kinder können dabei auf verschiedene Arten spielerisch entdecken, dass ihre Unterscheidung von richtig und falsch erlernt und nicht gegeben ist. Zum Ende der zweijährigen Kooperation gibt es in dieser Spielzeit 2013/14 eine gemeinsame Inszenierung der Schauspieler des Jungen Theaters und des Theaters Fetter Fisch. Ein unbedingt nachahmenswerter Ansatz nicht nur für das Kinder- und Jugendtheater – auch für die Kulturpolitik.

Share
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.