In welcher Zukunft wollen wir leben? – Theater Freiburg

Szenefoto aus Carmen / Foto: M. Korbel
 
Ein Beitrag von Tanja Dassler

Theater wirkt in die Stadtteile hinein. Diese Aussage allein ist nicht neu. In Freiburg wird sie seit bald zehn Jahren durch die Intendantin Barbara Mundel und ihr Ensemble auf besondere Weise mit Leben gefüllt. Das brachte dem Haus in der Vergangenheit gleich zweimal die Auszeichnung für das »Beste Theater abseits der Zentren« ein. Für Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach sind das zehn Jahre nach denen das Theater, das seit 2005 als Eigenbetrieb geführt wird, ganz anders dasteht als zuvor, weil Einsparungsdiskussionen um das Theater fast vollkommen verschwunden sind. Viel gelobt wird der hohe Qualitätsstand der Opernsparte, sichtbar unter anderem an zwei großen, ausverkauften Ring-Zyklen, die kulturellen Bildungs- und Erziehungsprojekte des Theaters sowie eben dieses Wirken in die Stadtteile hinein. Ein Beispiel ist ein Projekt im multikulturell geprägten Stadtteil Haslach. Hier wurde eine stillgelegte Kneipe als Außenspielstätte wiederbelebt und so der direkte Kontakt mit den Bewohnern des Stadtteils gesucht. Ein weiteres Beispiel ist das aktuelle Projekt „Völkerwanderung“. Seit Anfang März sammeln das Theaterkollektiv Turbo Pascal und der Verein zur Förderung der Jugendkultur Element 3 in Kooperation mit dem Theater Freiburg im Stadtteil Littenweiler Geschichten von Ein- und Auswanderungen jeglicher Art, ob familiär, durch Studium, Arbeit oder Flucht bedingt. Da schimmert eine weltoffene Utopie durch, in der Zugehörigkeit gar nicht so schwer erscheint. Es braucht nur einen Ort, an dem man sich begegnet, zuhört und erzählt. Genau den bietet das Theater Freiburg. Alles zusammengenommen verdeutlicht die große Spannbreite der Theaterarbeit in Freiburg.

Das Dreispartenhaus mit Opern- und Schauspielensemble sowie Tanzsparte vereint heute vier Spielstätten unter einem Dach: das Große Haus mit 900 Plätzen, das Kleine Haus, die Kammerbühne und den Werkraum. Im Winterer-Foyer finden zusätzlich Autorenlesungen aktuelle Vortragsabende sowie Kammerkonzerte statt. Hinzu kommen der Chor und das Philharmonische Orchester, das neben dem Opernbetrieb Konzerte im Großen Haus und im benachbarten Konzerthaus gibt. Zuletzt (2013/14) kamen bedingt durch die Einschränkungen der Umbauphase knapp über 180.000 Besucher ins Haus.

Im vergangenen Jahr wurden erst die aufwändigsten Sanierungsarbeiten seit der 104jährigen Geschichte des Theaters an diesem Standort beendet. Über zwei Jahre hinweg wurde das Haus für insgesamt 14,35 Millionen Euro barrierefreie erschlossen und  die veraltete Bühnentechnik erneuert. Erbaut wurde das Haus am Rande der Freiburger Altstadt nach Plänen des Berliner Architekten Heinrich Seeling, als eines der größten deutschen Kommunaltheater seiner Zeit. 1996 folgten die umfangreiche Sanierung von Zuschauerraum und Foyer und der Umbau der ehemaligen Kurbel-Kinos zu einem Schauspielhaus (heute Kleines Haus). Im ehemaligen Durchgangs und Eingangsbereich des Kinos befindet sich heute eine Szenekneipe. Zudem wurde auf der Rückseite (Westen) ein großes Kinocenter gebaut, an der Nordseite ein Gebäudeanbau aus Glas mit Platz für Eisdiele, Theatercafe, Büros und Kleinläden. Die Südseite blieb weitgehend unverändert. Wie in kaum einer anderen Stadt ist das Theater in Freiburg in ein belebtes Umfeld eingebettet und von einigen Szenekneipen umgeben. Theatercafe, Kinos, Eisdiele, Büros und Handel tragen dadurch zur Belebung rund um das Theater bei.

Seit Beginn der Spielzeit 2012/13 bietet das Theater Freiburg dem zeitgenössischen Tanz eine Plattform für Produktion, Kollaboration, künstlerische Forschung sowie einen lebhaften Austausch zwischen internationalen Künstlern und tanzinteressierten Freiburgern. Der Spielplan kombiniert Eigenproduktionen, Koproduktionen und Gastspiele und sucht nach innovativen und interdisziplinären Kooperationsformen, um Tanzschaffende regional und international zu fördern sowie die Präsenz des zeitgenössischen Tanzes in Baden-Württemberg zu stärken. Er präsentiert internationale Künstler, die sehr unterschiedliche choreographische Ansätze verfolgen, kontroverse Auseinandersetzungen mit dem Körper als Ort sozialer und politischer Einschreibungen führen und Grenzbereiche zwischen Tanz und anderen Kunstformen ausloten. Mit einem großen Interesse für die Formen und die Dynamiken sozialer Choreografien geht der Tanz in Freiburg intensiv der Frage nach, welchen Platz die Zuschauer im künstlerischen Prozess einnehmen. Die kulturelle Synergie von Institution und Publikum, wie zum Beispiel die enge Anbindung der künstlerischen Prozesse an die Stadt und ihre Bewohner oder die „School of Life and Dance“ (SoLD), ist ein zentrales Anliegen des Tanzes am Theater Freiburg.

Mit dem Projekt „Die Türmer von Freiburg“ lädt das Theater ein Jahr lang 730 einzelne Menschen dazu sein, sich auf das Dach des Theaters zurückzuziehen und ihr Alleinsein zu genießen. Ab Juni 2015 wird ein gläserner Turm über dem Dach des Theaters schweben und seinem Besucher ganz neue Perspektiven von Raum und Zeit eröffnen. Der Turm wird täglich bei Sonnenaufgang oder bei Sonnenuntergang für eine Stunde begehbar sein. Jeder hineintretende Türmer wird alles hinter sich lassen und eine fundamentale Kategorie des Choreografischen erleben: die Präsenz des eigenen Körpers, sowie jener Körper, die unten in der Stadt ihre Wege gehen. Mit diesem Projekt kehrt die Choreografin Joanne Leighton nach Freiburg zurück, die bereits letzte Spielzeit das Freiburger Publikum mit den Projekten »Melting Pot« und »Made in Freiburg« begeisterte. Tanz am Theater Freiburg ist für Fans besonders günstig. Mit der neuen TANZCARD für nur 50,00 Euro sind Tickets alle Tanzproduktionen in der Spielzeit 2014/15 zum halben Preis erhältlich.     

Unterstützt werden Theater und Philharmonisches Orchester seit 20 Jahren zusätzlich durch den Freundeskreis, dessen Mitglieder durch ihr Engagement dokumentieren wollen, dass sie mehr als nur Konsumenten kultureller Angebote sind. Die TheaterFreunde.de, die mittlerweile über 1.350 Engagierte, Mitglieder, Donatoren, Förderer und Stifter zählen, haben sich zum Ziel gesetzt, die weltweit einmalige Stadttheaterstruktur zu unterstützen und zu erhalten. Mitglied wird man für einen vergleichsweise geringen Jahresbeitrag von 50 Euro pro Person und genießt ausgewählte Theater- und Sinfoniekonzertproben. Für alle Förderer, die gerne oft ins Theater gehen, gibt es die Theatercard für 550 Euro. Mit ihr kosten alle Eintrittskarten nur noch die Hälfte inklusive weiterer attraktiver Leistungen. Für einen Jahresbeitrag von 800 Euro gibt es das Premieren-Abonnement und zusätzliche exklusive Extras. Juristische und private Personen können zudem das Theater als Donatoren mit einem Premieren-Abonnement fördern. Jahresbeitrag 2.500 Euro pro Person (zwei Familienmitglieder insg. 3.500 Euro).

Die Zukunft des Freiburger Theaters wird zunächst durch den Wandel in der Führungsspitze geprägt sein. Intendantin Barbara Mundel (Jg. 59), hat ihren Vertrag nicht erneut um fünf Jahre verlängert und scheidet 2017 aus. Und mit Tessa Beecken (Jg. 66) kommt ab der Spielzeit 2015/16 eine neue kaufmännische Direktorin ins Haus. Sie folgt auf Dr. Klaus Engert (Jg. 64), der das Haus auf eigenen Wunsch verlässt. Sobald die Theaterintendanz neu besetzt ist, soll zumindest der Vertrag mit Generalmusikdirektor Fabrice Bollon verlängert werden.

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