„Bei Stücken für ein junges Publikum darf es keine Kompromisse geben“; Oliver Reese, Intendant Schauspiel Frankfurt und Geschäftsführer der Städtischen Bühnen Frankfurt

TheaterManagement aktuell: Herr Reese, angesichts des demografischen Wandels nimmt der Anteil der Theaterbesucher über 60 weiter zu. Mit eigenen Sparten und Programmen für Jugendliche und junge Erwachsene werden gezielt Angebote für jüngere Menschen geschaffen. Warum sollte sich, Ihrer Meinung nach, ein Jugendlicher von solch einem Angebot ins Theater locken lassen?

Oliver Reese: Weil das Liveerlebnis Theater berührt, bewegt, Positionen herausfordert, Reibungsflächen und Identifikationsangebote bietet. Gerade Jugendliche hinterfragen ja oft ihre eigene Identität. Sie suchen Vorbilder mit denen sie sich identifizieren oder Haltungen gegen die sie sich abgrenzen können. Und das Theater bietet da einen ganzen Kosmos an Möglichkeiten. Ich selbst war als Schüler besessen von Theater. Theater war für mich immer ein Ort an dem ich andere Formen von Existenz erlebte. 28 Prozent unserer Besucher sind Schüler und Studenten. Ich denke, das belegt deutlich, dass wir es schaffen, junge Menschen für das Theater zu begeistern.

TheaterManagement aktuell:  Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht das „junge Theater“, also das Theater für jüngere Zielgruppen im Gesamtkontext des Theaters?

Oliver Reese: Einen enorm wichtigen. Deshalb habe ich mich auch, als ich hier in Frankfurt anfing, für eine eigene Kinder- und Jugendtheatersparte eingesetzt. Die jungen Zuschauer sind nicht nur das Publikum von morgen, sie werden auch unsere Zukunft gestalten. Und dafür braucht man nicht nur Faktenwissen sondern auch eigene Positionen und Bildung im Sinne eines tieferen Verständnisses von Zusammenhängen –  das kann Theater wahrscheinlich besser und lebendiger als jede Schulstunde oder ein Lehrbuch vermitteln.

TheaterManagement aktuell: Worin unterscheidet sich die Arbeit auf der Bühne?

Oliver Reese: Ob man Stücke für Erwachsene oder für Jugendliche inszeniert: Der künstlerische Anspruch sollte sich nicht unterscheiden! Da darf es auch bei Stücken für ein junges Publikum keine Kompromisse geben. Anders sieht es aus, wenn man mit Jugendlichen arbeitet, die keine Profis sind. Da geht es natürlich weniger um handwerkliche Virtuosität als darum, die Erfahrungen und Gedanken der Jugendlichen in den Text und die Inszenierung einfließen zu lassen.

TheaterManagement aktuell: Worauf sollten Theatermacher, Ihrer Erfahrung nach, bei Angeboten für jüngere Zielgruppen unbedingt inhaltlich achten?

Oliver Reese: Dass sie die Lebensrealitäten der Jugendlichen abbilden, sie bespiegeln oder ihnen auch bewusst etwas entgegensetzen – d.h. in jedem Fall mit den Themen der Jugendlichen umgehen und diese nicht einfach ignorieren, weil die Theatermacher z.B. zu sehr in ihrer eigenen Blase leben.

TheaterManagement aktuell: Welche formalen und organisatorischen Besonderheiten gelten, Ihrer Erfahrung nach, in dieser Sparte?

Oliver Reese: Kinder und Jugendliche sind sehr ehrliche Zuschauer.  Wenn Sie für junge  Zuschauer inszenieren und das Stück formale Schwächen hat, die Dramaturgie nicht konsequent gearbeitet ist und es schlicht gesagt mal langweilig wird, bekommen Sie sofort die Quittung dafür.

Sie fragen auch nach den organisatorischen Besonderheiten: Am Jungen Schauspiel Frankfurt ist vor allem die Struktur des Jugendclubs besonders. Die  JC-Mitglieder spielen nicht wie an anderen Häusern in einer festen Gruppe, sie haben hier eine ganze Bandbreite an Angeboten. So können die Jugendlichen z.B. an einer Schnupperstunde, an einem offenen Training oder auch an einer Produktion teilnehmen, die dann 14 Mal in den Kammerspielen gezeigt wird.

TheaterManagement aktuell: Was sind aus Ihrer Sicht „No goes“ im „jungen Theater“?

Oliver Reese: Kindertümelei und Überheblichkeit gegenüber dem Urteil junger Zuschauer.

TheaterManagement aktuell: Was bedeutet für Sie Erfolg im Zusammenhang mit „jungem Theater“?

Oliver Reese: Wenn im Schauspiel Frankfurt Jugendliche aller Altersstufen, Nationalitäten und Lebenswelten zusammenkommen und sie hier einen Ort für neue, gemeinsame  Perspektiven finden,  dann ist das für mich ein wunderbarer Erfolg. Und das ist hier dank Martina Droste, der Leiterin des Jungen Schauspiel, hervorragend gelungen. Als Erfolg verbuche ich aber auch: über 50.000 Schüler- und Studentenkarten, 290 Mitglieder im Jugendclub, 140 Einzelangebote für Jugendliche, vier größere Projekte von Jugendlichen für Jugendliche und drei meist von Publikum und Kritik geschätzte Neuinszenierungen für ein junges Publikum pro Saison.

TheaterManagement aktuell: Wie lassen sich jugendliche Zielgruppen am besten erreichen bzw. zum Theaterbesuch animieren?

Oliver Reese: Ich denke über  ein hochwertiges Angebot und die damit einhergehende Mund-zu-Mund-Propaganda. Unsere Jugendclubmitglieder sind nicht nur leidenschaftliche Spieler sondern auch wunderbare Multiplikatoren – die Begeisterung eines Spielers steckt oft schnell die ganze Clique an.

TheaterManagement aktuell: Welches Projekt im Bereich „junges Theater“ hat Sie bisher am meisten bewegt?

Oliver Reese: Die letzte Spielzeit stand unter dem Titel „ÜberLeben“. Das Junge Schauspiel hat in diesem Kontext ein ganz berührendes Projekt zum Tagebuch der Anne Frank entwickelt.  Darin haben sich neun jugendliche Spieler mit der sozialen Zwangsgemeinschaft, den Hoffnungen, Ängsten und Nöten dieser klugen jungen Tagebuchschreiberin auseinandergesetzt und dabei versucht, anhand ihrer Erfahrungen eigene Definitionen von Würde, Freiheit und Glück zu finden – ein sehr intensiver, bewegender Theaterabend, der mit ganz einfachen Mitteln auskommt und in der Auseinandersetzung mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hoch aktuell  ist.  »Anne« wurde nun auch zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin und zum Jugend Theater Festival Schweiz eingeladen.

TheaterManagement aktuell: Was ist das Besondere am „Jungen Schauspiel Frankfurt“?

Oliver Reese: Dass wir es tatsächlich schaffen, Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Begabungen und aus ganz   unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammenzubringen und gerade aus der Diversität ein enormes kreatives Potential erwächst. Martina Droste erarbeitet bereits im dritten Jahr ein inklusives Projekt. Sie arbeitet mit Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren, mit Flüchtlingen, Muslimen, jungen Studenten, und es ist faszinierend, wie die Gruppen zusammenwachsen und die Jugendlichen mit ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten sich gegenseitig bereichern.

TheaterManagement aktuell: Welches sind die großen Projekte der aktuellen Spielzeit an Ihrem Haus?

Oliver Reese: Es gibt großformatige Stoffbearbeitungen wie »Clockwork Orange« in der Regie von Christopher Rüping und »Schöne neue Welt«, inszeniert von Jorinde Dröse. Außerdem stehen wieder viele theaterpädagogische Projekte für Jugendliche auf dem Programm. Im MMK 2 wird im Rahmen der Ausstellung von Kostas Murkudis das inklusive Projekt »Kollektion« gezeigt. Chris Weinheimer und Martina Droste erarbeiten mit Flüchtlingen und Jugendclubmitgliedern »Frankfurt Babel« – eine Inszenierung, die sich mit Sprache, Heimat und Identität auseinandersetzt. Laura Linnenbaum ergründet mit jungen Spielern in »no.where.wanna.be« die Ursachen des Hikikomori-Phänomens. Die DT-Schauspielerin Susanne Wolff führt erstmals Regie und erarbeitet zusammen mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Fassbinders »Katzelmacher«. Und schließlich gibt es mit der Wiederaufnahme von Otfried Preußlers »Krabat« in der Regie von Karin Drechsel auch wieder ein großes Weihnachtsstück.

Oliver Reese
Intendant des Schauspiel Frankfurt
Geschäftsführer der Städtische Bühnen Frankfurt am Main GmbH

Oliver Reese (Jg. 64) studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Komparatistik in München und arbeitete als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Bayerischen Staatsschauspiel. 1989 ging er als Dramaturg an das Bayerische Staatsschauspiel, 1991 als Chefdramaturg an das Ulmer Theater. 1994 bis 2001 war Oliver Reese Chefdramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin, danach Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant unter Bernd Wilms am Deutschen Theater Berlin, wo er u. a. mit Hans Neuenfels, Robert Wilson, Michael Thalheimer und Jürgen Gosch arbeitete. Von 2002 bis 2004 hatte Oliver Reese einen Lehrauftrag an der Freien Universität Berlin. Er ist außerdem Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. In der Spielzeit 2008/09 war Oliver Reese Intendant am Deutschen Theater, seit der Spielzeit 2009/10 leitet er das Schauspiel Frankfurt.

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