Apollo-Theater Siegen – Bürgertheater mit Weltstadtprogramm

Ein Beitrag von Tanja Dassler
Magnus Reitschuster, Intendant Apollo-Theater Siegen / Foto: R.S. Klein

Es hat 50 Jahre gedauert, bis Siegen sein Stadttheater endlich hatte. Zuvor residierte das Siegener Theater in einer Schulaula. Um darauf aufmerksam zu machen, dass das Theater im Grunde heimatlos war, spielte man zuletzt immer wieder an anderen Orten der Stadt, etwa in Kirchen oder unter der Stadtautobahn. Die Bürger der südwestfälischen Großstadt mit knapp über 100.000 Einwohnern und fast 20.000 Studenten kämpften lange und unermüdlich. Unter der Leitung von Intendant Magnus Reitschuster wurde das eigene Theater dann 2007 Realität und in einem umgebauten Theater und Konzerthaus aus den 30er Jahren, zuletzt als Kino genutzt, mit einem einzigartigen bürgerschaftlichen Engagement eröffnet. Insgesamt 17 Millionen Euro wurden in den Umbau investiert. Das Geld stammte von der Stadt, dem Kreis und dem Land Nordrhein-Westfalen, aber auch von der Siegener Bürgerschaft, die sich im Förderkreis organisierte. In seiner neuen Funktion trägt das Gebäude zur lokalen Identität bei und übernimmt damit eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Stadt. Schon von weitem sichtbar sind die typischen fünf Bögen der Ostfassade, die aufgrund ihres hohen Erinnerungswertes erhalten blieben. Konzipiert als Bürgertheater wurde im Zuschauerraum auf Logen verzichtet. Die max. 582 Plätze für Konzerte und 521 bei Theaterbestuhlung sind ansteigend angeordnet und ermöglichen eine besonders intensive Verbindung zwischen Bühne und Publikum und gewähren optimale Sicht. Für kleinere Veranstaltungen kann der Zuschauerraum als Apollino auf 200 Plätze verkleinert werden.

Das Apollo ist eine Bespielbühne ohne eigenes Ensemble mit dem Vorteil, bemerkenswerte Gastspiele verpflichten zu können. Insgesamt reicht das Spektrum der Veranstaltungen von einem professionellen Schauspiel- und Konzertprogramm bis hin zur semiprofessionellen freien Kulturarbeit sowie Veranstaltungen von Gruppen oder Institutionen aus der Stadt. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf einem vorbildlichen Kinder- und Jugendprogramm. Ein besonderer Höhepunkt ist die Siegener Biennale. Zu wechselnden Motti (2009 „Vom Verlieren“, 2012 „Dran glauben“, 2014 „Märkte und Menschen“, 2016 „Heimat“) kommen namhafte Schauspielensembles aus großen deutschen Städten wie Berlin, Bochum, Köln, Hamburg oder München.

Jährlich holt Reitschuster ca. 150 Produktionen an das Apollo-Theater und führt pro Spielzeit zwei bis drei Eigenproduktionen auf. In diesem Jahr ist es unter anderem die Uraufführung von „Große Liebe“, nach dem gleichnamigen Roman, des in Siegen geborenen Dichters, Navid Kermani, der 2015 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. (Dramatisierung: Magnus Reitschuster; Regie: Johannes Zametzer). Ein weiterer Höhepunkt des kommenden Spielplanes dürfte u.a. die Produktion „The Situation“, des Berliner Maxim Gorki Theaters werden, die Reitschuster an die Sieg holen konnte. Ebenso wie in der Produktion „Lampedusa“ vom Schauspiel Bochum, das ebenfalls in Siegen gastieren wird, geht es darin um die hochaktuellen Themen Flucht, Zuwanderung und Andersgläubigkeit. Sowohl Thema als auch die Inszenierungen spiegeln die großen und brennenden Fragen unserer Zeit wider und heben den Siegener Spielplan auf weltstädtisches Niveau. Junge Formate wie eine umfangreiche SlamPoetry-Reihe verdeutlichen nicht nur, dass Siegen versteht Kulturangebote auf der Höhe der Zeit ins Theater zu ziehen, sondern auch den weitgefassten Bürgertheateransatz.

Damit trotz Reitschuster dem traditionellen eher seichten und zweitklassigen Bespieltheater-Image. Vielmehr gelingt es ihm das Siegener Theater unter anderem durch geschickte Auswahl aus dem riesengroßen Gastspielangebot zur Vorzeigebühne zu entwickeln. Dabei nutzt er den Vorteil, dass er jede Vorstellung vorher sehen kann. Im Rahmen einer Tagung sagte er dazu: „Jedes produzierende Theater geht mit jeder Neuproduktion ein hohes Risiko eingeht. Manches gelingt, manches nicht. Die Ensemblebühnen müssen doch ein Interesse haben, dass ihre besten Aufführungen mehrfach gezeigt werden. Das tut der Theaterlandschaft insgesamt gut. Dieser Weg stellt an die Bespieltheater neue Anforderungen der Vermittlung: Wir bieten z. B. vor jeder Vorstellung ein sogenanntes „Apollo begrüßt“ an, eine Einführung. Hier kommen regelmäßig mindestens 50 Leute, also 10 % des Publikums. So vorbereitet goutieren sie dann auch heftige Aufführungen. So entsteht eine Kultur des Spielens und Bespieltwerdens. Gibt es Schöneres als zu spielen und bespielt zu werden?“

Der Erfolg beim Publikum ist außergewöhnlich. Mit vorsichtiger Schätzung rechnete man zur Eröffnung im Jahr 2007 mit 45.000 Besuchern pro Jahr; tatsächlich sind es stabil ca. doppelt so viele. Zuletzt waren es knapp 100.000 Besucher. Ein beachtliches Verhältnis. Rein rechnerisch gelingt es dem Theater damit nahezu jeden Bewohner der Stadt einmal pro Spielzeit zu einem Vorstellungsbesuch zu bewegen. Ein Benchmark, der die Theaterhäuser der Metropolen erblassen lassen muss.

Außergewöhnlich ist auch die Art der Finanzierung bis heute: Sowohl Bürgerschaft als auch Wirtschaft leisten den Löwenanteil, der für den Theaterbetrieb erforderlichen Zuwendungen. Der öffentliche Zuschuss beträgt ca. eine Million Euro. Der Rest stammt aus Kartenverkäufen. Insgesamt verfügt das Theater über einen Etat von knapp 2,5 Millionen Euro.

In der aktuellen Spielzeit feiert das Theater sein 10-jähriges Jubiläum mit einem beispielhaften und atemberaubenden Programm, von dem sich manche Metropole eine Scheibe abschneiden kann. 10 Jahre in denen Magnus Reitschuster das Theater erfolgreich geprägt hat. Und er wird es noch weiter tun. Sein Vertrag wurde bis 2022 verlängert. Dann wird das Apollo Theater 15 und er wird seinen 70. Geburtstag feiern. Damit ist Siegen auch ein Beispiel dafür, dass ein herausragendes Kulturleben vom außergewöhnlichen, persönlichen Engagement eines Einzelnen maßgeblich beeinflusst wird und viel zu oft auch davon abhängt. Schön wenn es solche Früchte trägt. Die Redaktion von TheaterManagement aktuell gratuliert zum Jubiläum und freut sich auf diese Spielzeit.

 

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