Prof. Dr. Armin Klein: „…innere Struktur im Sinne eines „lernenden Kulturbetriebes“ verändern…“

TheaterManagement aktuell: Herr Prof. Dr. Klein nach rund 23 Jahren haben Sie sich Ende Januar als Leiter des Institutes für Kulturmanagement der PH Ludwigburg verabschiedet. In dieser Zeit haben Sie viele Impulse gegeben und intime Einblicke in die Seele des Kulturmanagements in Deutschland und der Welt gewonnen. Können Sie uns drei für Sie wichtige Veränderungen im Kulturmanagement aus dieser Zeit benennen?

Prof. Dr. Armin Klein: Zunächst war das Kulturmanagement geprägt von der Frage: „Wie tut man die Dinge richtig“? d.h. es ging um die Implementierung beispielsweise von Kulturmarketing, Controlling, Kosten-Leistungsrechnung etc. in die (weitgehend öffentlichen) Kultureinrichtungen. Wie können die Kulturbetriebe professioneller arbeiten? (2) Die sog. „Kulturwirtschaft“ und der privatrechtlich-gemeinnützige Kulturbetrieb (also Stiftungen, vereine usw.) blieben weitgehend außen vor. Das änderte sich deutlich Ende der neunziger Jahre und diese Bereiche gerieten zunehmend in den Fokus. (3) Und daraus resultierte schließlich die Frage, ob wir noch „die richtigen Dinge tun“, d.h. das Zusammenspiel von öffentlichem, kommerziellem und gemeinnützigem Kulturbetrieb muss neu justiert werden. Wer macht sinnvoller Weise was? Das haben wir im „Kulturinfarkt“ 2012 aufgegriffen

TheaterManagement aktuell: Vielen ist vor allem das provokante Werk „Kulturinfarkt“ in Erinnerung, an dem Sie mitgewirkt haben. Ist aus Ihrer Sicht Kultur in Deutschland ohne Subventionen von Kommunen, Ländern und Bund überhaupt denkbar?

Prof. Dr. Armin Klein: Wer das Buch genau liest, wird sehen, dass wir nie geschrieben oder gesagt haben, dass die Subventionen gekürzt werden sollen. Die berühmt-berüchtigte „Hälfte“ (die sicherlich provozierend gemeint war) bezog sich auf die etablierten Institutionen. Brauchen wir sie wirklich noch alle? Oder brauchen wir nicht andere, neue, bisher noch nicht vorhandene? Hätten wir das Doppelte an Subventionen gefordert, wären wir von allen, insbesondere vom Deutschen Kulturrat gefeiert worden – nur hätte das kaum eines der anstehenden Probleme nachhaltig gelöst.

TheaterManagement aktuell: Worin sehen Sie die größte Stärke dieser Kultursubventionen?

Prof. Dr. Armin Klein: Die Stärken öffentlicher Subventionen liegen sicherlich in der Ermöglichung einer beispiellos breiten, nahezu flächendeckenden kulturellen Angebotsstruktur in Deutschland (die Hälfte aller Opernhäuser der Welt befinden sich in Deutschland!) und eine allgemeine Zugänglichkeit, die kaum soziale Barrieren kennt – der Kulturbesuch ist fast jedem möglich, der Interesse hat.

TheaterManagement aktuell: Was sind heute die größten Schwächen?

Prof. Dr. Armin Klein: Die größten Schwächen resultieren aus der genannten Stärke, sind quasi die Kehrseite der Medaille. Durch die weitgehende finanzielle Absicherung (im Theater beispielsweise trägt die öffentliche Hand durchschnittlich 82% der Einnahmen in Form von Zuwendungen, nur 18% werden selbsterwirtschaftet) müssen die öffentlichen Kultureinrichtungen nicht „lernen“, d.h. moderne Managementmethoden müssen nicht implementiert werden. Zweitens geraten die Zuschauer zunehmend aus dem Blickwinkel, d.h. die Gefahr der Selbstbezüglichkeit wächst zunehmend (gerade im Theater immer mehr beklagt).

TheaterManagement aktuell: Welche Gefahren sehen Sie auf das Management von Theatern, Opernhäusern und Festivals in den nächsten fünf Jahren zukommen?

Prof. Dr. Armin Klein: Die Hauptherausforderungen liegen erstens in der Demographie und zweitens in der Digitalisierung. Zunächst ist hier das kulturelle Überangebot zu nennen, dem keineswegs ein entsprechend wachsendes Publikumsinteresse entspricht. Kultur ist ein ungebremster Wachstumsmarkt mit öffentlichen, kommerziellen und gemeinnützigen Kulturangeboten. Alleine im Bereich Musikfestival sind in den letzten 25 – 30 Jahren 35 große neue Festivals gegründet worden – gleichzeitig haben wir einen demographischen Rückgang in der Bevölkerung. Wer soll das alles sehen und hören wollen?

Wir leben in Zeiten eines stürmischen Wandels, vor allem auf Grund der Digitalisierung sprechen wir schon seit mehr als einem Jahrzehnt von „disruptiven Innovationen“, d.h. der Wandel ist nicht evolutionär (z.B. von der Schellack-Platte über die Vinyl-Platte zur CD) sondern revolutionär, d.h. mit den Downloads werden materielle Kulturgüter zunehmend immateriell. Gleiches gilt für den Film (Streaming) oder das Verlagswesen (E-Books). Dadurch werden viele jahrzehnte-, teilweise jahrhundertealte Strukturen zunehmend obsolet. Theater wird aber heute noch so produziert wie zu Goethes Zeiten.

TheaterManagement aktuell: Wie lassen sich diese Klippen umschiffen?

Prof. Dr. Armin Klein: Zunächst sollten die (vor allem öffentlichen) Kulturbetriebe die Herausforderungen überhaupt erst mal erkennen! Wie die so heftigen Diskussionen um den „Kulturinfarkt“ gezeigt haben, ist aber kaum jemand bereit dazu, sondern möchte das Herkömmliche verteidigen. Die deutschen Theater wollen sich selbst unter immateriellen Denkmalschutz stellen! Der Deutsche Kulturrat mit seiner unsäglichen Roten Liste gefährdeter Kultureinrichtungen ist wohl eine der konservativsten Verbände in Deutschland; die Argumentationsstruktur unterscheidet sich in nichts von der Atomlobby.

So verständlich das ist – Lernen bedeutet Kraftaufwand – so kurzsichtig ist es angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen. Jetzt wäre noch Zeit, jetzt geht es uns ökonomisch noch gut – aber gelernt wird leider erst, wenn der Druck von außen immer stärker wird. Das ist sehr schade!

TheaterManagement aktuell: Wer werden die Gewinner sein?

Prof. Dr. Armin Klein: Die Gewinner werden zweifelsohne diejenigen sein, die die Herausforderungen sehen und aktiv angehen, statt reaktiv das Bestehende zu verteidigen. Schaut man auf den „Silbersee“ im Theaterpublikum oder den Konzerten, dann wird denjenigen die Zukunft gehören, die der Jugend entsprechende Angebote machen.

TheaterManagement aktuell: Sie sind auch bekannt als Verfechter eines Business Excellence Ansatzes für Kulturbetriebe. Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Aufgaben für Theater, Opern und Konzerthäuser, um dem Ideal eines exzellenten Kulturbetriebes gerecht zu werden?

Prof. Dr. Armin Klein: Vor allem die öffentlichen Kulturbetriebe müssen ihr Publikum wieder neu entdecken und alle Anstrengungen unternehmen, um es dauerhaft zu binden. Sie müssen ihre innere Struktur im Sinne eines „lernenden Kulturbetriebes“ verändern und sie müssen sich neue (auch finanzielle) Unterstützer suchen, wie etwa in entsprechenden Membership-Modellen.

TheaterManagement aktuell: Bitte benennen Sie uns ein oder zwei Beispiele für aus Ihrer Sicht exzellente Kulturbetriebe aus dem Bereich der Darstellenden Künste?

Prof. Dr. Armin Klein: Es gibt sie durchaus schon, die „exzellenten Kulturbetriebe“. Man denke etwa an die –Digital Concert-Hall der Berliner Philharmoniker, das Festspielhaus Baden-Baden, die Schirn-Städel-Kooperation, der Heidelberger Frühling als Festival, das Theaterhaus Stuttgart als Beispiel für die Freie Szene. Hier stehen aufgeschlossene Kulturmanager an der Spitze, geprägt von einem hohen künstlerischen Qualitätsbewusstsein einerseits, einer klaren Besucherorientierung andererseits Und es ist sicherlich kein Zufall, dass sie modernen Management-Methoden ausgesprochen offen gegenüberstehen.

TheaterManagement aktuell: Audience Development und Besucherbindung sind weitere Schwerpunkte Ihrer Lehr- und Beratertätigkeit gewesen. Wie ist es um diese Felder aus Ihrer Sicht in den Theatern und Opernhäusern, etc. hierzulande bestellt?

Prof. Dr. Armin Klein: Leider ist man erst angesichts eines unübersehbaren Publikumsschwunds in den letzten Jahren auf den eigentlich naheliegenden Gedanken gekommen, dass man sich sein Publikum der Zukunft selbst aufbauen muss. Zu lange hat man in dem Irrglauben gedämmert, die Besucher würden von alleine kommen und das vielfältige Angebot außerhalb der Hochkultur ignoriert. Goethe konnte noch sagen: „Und am Ende ist der langweiligste Theaterabend immer noch besser als die Langeweile zu Hause“. Das mochte im Weimar seiner Zeit gelten, nicht mehr aber in der Erlebnisgesellschaft mit ihren vielfältigen Angeboten.

TheaterManagement aktuell: In einem knappen Viertel Jahrhundert als Leiter des Instituts für Kulturmanagement waren Sie Geburtshelfer für nicht wenige Kulturmanagerinnen und Kulturmanager. Wie wird man Ihre Erfahrung nach, ein guter Kulturmanager?

Prof. Dr. Armin Klein: Die wichtigste und unabdingbare Voraussetzung ist, für Kunst und Kultur zu brennen. Wer selbst nicht interessiert ist, kann keine anderen Menschen interessieren. Darüber hinaus muss man permanent neugierig sein: auf neue Inhalte, auf gesellschaftliche Herausforderungen und nicht zuletzt auf „sein“ Publikum. Alles andere, die Instrumente, die Tools usw. kann man in unseren Studiengängen lernen – das andere aber muss man mitbringen.

TheaterManagement aktuell: Was werden Sie nun mit Ihrer neu gewonnenen Freiheit tun?

Prof. Dr. Armin Klein: Mein Terminkalender ist voll bis in den Herbst: Workshops, Vorträge, Beratungen. Gerne möchte ich meine langjährigen Erfahrungen weiter weitergeben – und so bleibe ich selbst weiter neugierig auf Veränderungen. Und ein Schwerpunkt wird dabei – wie schon seit einigen Jahren – der Kulturtourismus sein, die Verbindung meiner beiden Leidenschaften Kultur und Reisen. Im Frühsommer erscheint dazu das Buch „Kulturtourismus für alle“, das ich zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen zusammengestellt habe.

Prof. Dr. Armin Klein
Prof. Dr. Armin klein, Jg. 1951. Leitender Dramaturg am Theater am Turm (Frankfurt) 1979 bis 1981. Von 1981 bis 1994 Kulturreferent der Stadt Marburg. Seit 1994 Professor für Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Ludwigsburg. Autor zahlreicher Standardwerke zum Kulturmanagement, u.a. Kompendium Kulturmanagement (4. Auflage 2017), Kulturmarketing (2011) u.v.a.

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