Den User im Blick – Webdesign für Kulturbetriebe

Ein Beitrag von Oliver Priester, m.i.r media (www.mir.de)
Foto: m.i.r. media

Wenn man heute als Theater, Konzerthaus, Oper oder Festival in Onlinemedien sichtbar werden will, steht nicht das Haus oder das Orchester im Vordergrund, sondern die Veranstaltung, das Event, das Erlebnis. Es geht darum mit viel Emotionalität eine Geschichte um jede Veranstaltung zu erzählen. Gelingt es, das Event schon auf der Website zum Erlebnis zu machen, ist ganz viel erreicht. Dabei ist kein Haus wie das andere. Jede Institution hat ihre Eigenheiten und Besonderheiten. Erfolgreich wird ein Projekt allerdings erst, wenn in der Usability die jeweiligen Stärken der Kanäle Mobile und Desktop herausgestellt werden können.

Durch den enormen Kostendruck in allen Bereichen, kann man nicht jeden digitalen Touchpoint gleichwertig bedienen. Auf eine native App zum Beispiel, die man parallel zur Website pflegen und finanzieren muss, kann man verzichten. Auch das Engagement auf Facebook kann man zurückfahren. Stattdessen lohnt es sich Instagram zu aktivieren. Die Zielgruppe ist jünger, der Kanal aktiver; so wie Facebook vor einigen Jahren.

Aber Social Media ist nicht gleich Social Media. Jeder Kanal hat seine Stärken und Schwächen. Seit der letzten Umstellung des Newsfeed-Algorithmus von Facebook sind die Reichweiten organischer Posts eingebrochen. Facebook ist aber weiterhin gut, z.B. wenn man gezielt Anzeigen schalten will. Also eher ein Vertriebskanal. Instagram ist jünger von der Zielgruppe her und viel aktiver. Man kann heute damit besser als bei Facebook sein Markenimage gestalten. Speziell dann, wenn man visuell starkes Material hat. Um sich nicht zu verzetteln, sollte man genau die unterschiedlichen sozialen Kanäle, ihre generellen Funktionen und die Funktionen bzw. die Nützlichkeit für das eigene Haus unter die Lupe nehmen. Zwar ist, wie oben erwähnt, die Reichweite auf Facebook wieder gesunken, allerdings bieten sich dort Möglichkeiten – etwa die Veröffentlichung von Events (inkl. aller sozialen Interaktionsmöglichkeiten wie Liken, Kommentieren, Sharen) – die man so auf anderen Kanälen nicht hat.

Wichtig ist generell, das Verhältnis von Aufwand und Nutzen realistisch einzuschätzen. Youtube kann natürlich eine für (potentielle) Besucher fantastische Plattform sein, schauen Sie sich etwa den Kanal der Met oder des Royal Opera House an. Allerdings wird schnell klar, was für ein organisatorischer, personeller und finanzieller Aufwand nötig ist, um solch einen Kanal vernünftig zu bespielen.

Wird der digitale Kanal zum Leitkanal definiert, kann man die Mittel intern entsprechend steuern. Die Erfahrung zeigt, dass diese Entscheidung weniger vom Marketing, sondern meist von ganz oben, von der Intendanz getroffen wird. Die meisten Website werden heute re-launcht. Das heißt, man hat schon eine alte Website, die aus technischen oder gestalterischen Gründen neu aufgebaut werden muss.

Oft gilt es über die Jahre hinweg angehäuften Ballast auszudünnen und zu re-organisieren sowie eine frische, schlanke Website zu konzipieren. Hinzu kommt die Template-Erstellung für responsive Designs. Dabei müssen deutlich mehr Endgeräte getestet werden und man muss sich mit unterschiedlichsten Darstellungsvarianten auseinandersetzen.

Das Kräfteverhältnis zwischen User Experience Design, Funktionalität, Barrierefreiheit und SEO einer Website, ist im Idealfall wie in einem guten Orchester ausgewogen. Alles muss harmonieren. Das Wichtigste ist, dass alle Disziplinen immer das Wesentliche im Blick haben: Den User. Sie oder er sind das Wichtigste. User sollen sich schnell zurechtfinden, sich inspirieren lassen und fix an Karten kommen; am besten ohne dabei zu merken, dass mehrere Umsysteme beteiligt sind.

Herausragende Lösungen überzeugen die User heute durch technische und gestalterische Innovationen. Bei der Website des Lucerne Festival ist der 3D Saalplan eine Lösung, die sonst kein anderer Anbieter hat. Bei der Elbphilharmonie sind die Informationsarchitektur und die Kapitel „Blog und Streams“ die eigentliche Innovation. Es gilt immer Neues auszuprobieren und den nächsten Schritt zu machen. Was alle guten Apps/Websites gemeinsamen haben, ist die nutzerzentrierte Herangehensweise. Am Projektbeginn sollte immer ein User-Experience-Workshop stehen, in dem gemeinsam mit dem Kunden die Bedürfnisse und Anforderungen der User erarbeitet und dokumentiert werden. Im Entwurfsprozess hilft diese Vorarbeit Entscheidungen zu treffen.
Fehler werden dabei häufig in der Umsetzung einer guten User-Journey gemacht. Website und Umsysteme, wie Ticketing oder CRM, werden als separate Einheiten von unterschiedlichen Fachabteilungen verantwortet. Wissend, dass der Bruch zwischen den Systemen nicht ideal ist, wird oft wenig unternommen, um diese Brüche zu glätten. In den meisten Fällen sind auch die Texte zu lang. Wenn wir uns die durchschnittliche Verweildauer pro Seite ansehen, wissen wir, dass wenig gelesen wird.

In der Praxis hat sich ein design-getriebener Arbeitsansatz bewährt. Das heißt, annähernd alle Pages einer Webpräsenz (Desktop und Mobile), werden zur Abstimmung gestaltet. Das ist viel Arbeit, sichert in der Realisierungsphase jedoch große Planungssicherheit, weil man sich immer wieder auf das Design berufen kann.

Die Zukunft im Internet wird auch für Kulturbetriebe von Bewegtbildern geprägt sein. Wahrscheinlich werden wir beobachten können, dass Live-Streams in 360° für VR-Brillen gestreamt werden. Beim Ticketing ist die Integration in Alexa vorstellbar. Dann heißt es: „Alexa, ich möchte am Wochenende in die Philharmonie“ oder „Alexa, kaufe mir 2 Karten für Turandot“. Das ist aufwendig, aber die technischen Voraussetzungen dafür wären schon da.

Share
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.