Es bewegt sich was im Tanzland Deutschland

Wurden vor etwa zehn Jahren auf städtischer und kommunaler Ebene zahlreiche Tanzkompanien aufgrund klammer Haushalte abgewickelt, blicken wir heute auf eine lebendige Landschaft, in der sich bisweilen sogar die Grenzen zwischen etablierten Ensembles und freier Szene auflösen. Jüngstes Beispiel ist etwa die Uraufführung von „Environment“ von Ben J. Riepe mit dem Ballett am Rhein. Auf Einladung von Martin Schläpfer, dem Chefchoreographen und Künstlerischen Direktor des Balletts am Rhein choreografierte Riepe, als Vertreter der freien Szene ein Stück an der Deutschen Oper am Rhein und sorgte für große Begeisterung. Tanznetz.de, eine der zahlreichen Online-Plattformen der Tanzszene listet derzeit 41 Kompagnien an festen Häusern. Tanz findet stets ein großes Publikum. Die Tanz-Gastspielaufführungen an den Kölner Bühnen beispielsweise, sind regelmäßig lange vor dem Aufführungsdatum ausverkauft. Tanz lockt zudem ein überwiegend jüngeres Publikum und nicht nur die typischen akademisch gebildeten Kulturgänger, wie eine aktuelle Studie der Rheinischen FH Köln belegt.

In kaum einem anderen Genre ist die Nähe zwischen Akteur*innen und Publikum größer. Dennoch zeigen die Erfahrungen auch heute noch, dass viele Zuschauer*Innen dem Tanz, insbesondere dem zeitgenössischen Tanz, immer noch mit Verunsicherung und Unverständnis begegnen. Die bekannte Scheu des Publikums gerade vor zeitgenössischen Produktionen resultiert nach Expertenauffassung aus dem Wunsch das Gesehene zu verstehen und einordnen zu können. Diese Diskrepanz wollen neu Vermittlungsansätze über partizipative Formate überwinden. Kommunikation und Publikumsgewinnung und -bindung entziehen sich dabei den gängigen Mustern von Werbung und PR und setzen direkt bei den Menschen und der Einladung zu eigenen körperlichen Erfahrungen an.

Tanzvermittlung und Partizipation: Beispiel MA CoDE
Wie das geht zeigt unter anderem Anja Bornsek, die seit 2014 mit einem kontinuierlichen Curriculum am tanzhaus nrw weitreichende Erfahrungen gesammelt und das Format weiterentwickelt hat. Entstanden ist das Konzept im Studiengang Contemporary Dance Education (MA CoDE) der HfMDK Frankfurt. Eine Gruppe von AbsolventInnen hatte sich das Ziel gesetzt neue Vermittlungsformate an der Schnittstelle von Tanzproduktion, Partizipation und Vermittlung zu gestalten. Die Basis bildete das Format der Physical Introduction.

Über den Weg der Physical Introduction erhalten Zuschauern anhand von Tanzpraktischen Übungen und Erfahrungen einen physischen Einblick in die choreografische Arbeit und die jeweiligen Inszenierungen. Auf diese Wiese wird die künstlerische Handschrift der jeweiligen Produktion mit dem eigenen Körper erlebbar und nachspürbar.

Dem liegt die Idee zugrunde, dass das Verständnis für Tanz zunimmt, je größer die eigenen Erfahrungen mit Bewegungen sind und sich Zuschauer*innen auf ein „anderes Wissen“, nämlich das des Körpers einlassen können. Neue Konzepte der Tanzvermittlung folgen damit einem ganzheitlichen Begriff, der an der physischen Erfahrung ansetzt.

Der Entwicklung neuer Vermittlungsformate in Zusammenarbeit mit Akteuren und Institutionen am Spielort kommt dabei eine wichtige Funktion zu. Im Idealfall einer kontinuierlichen vermittelnden Kommunikation zwischen Künstler*Innen und Zuschauer*Innen, können sich interessierte und neue Publikumsschichten bereits im Vorfeld einer Vorstellung aktiv mit Tänzer*innen und deren Arbeit vertraut machen.

Traditionelle Tanzvermittlung zielt häufig auf Publikumsaufbau und die Gewinnung eines Zielpublikums ab und unterscheidet dabei zwischen (aktive) Produktion – (passive) Konsumation. Gerade bei der körperbezogenen Kunstform Tanz wird dem Publikum dabei eine wesentliche Komponente vorenthalten, nämlich die der physischen Interaktion und Reflexion, die Verstehen über körperliches Nachvollziehen begünstigt.

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