Spendenpotential ist noch erheblich ausbaufähig

TheaterManagement aktuell: Nun ist ja Sponsoring inzwischen auch im Kreis der Kulturverantwortlichen bekannt. Spendenmarketing führt dagegen noch ein Schattendasein. Wie ist das zu erklären?

Olaf Zimmermann: Ich glaube, daß Sponsoring im Bereich der Kulturverantwortlichen und der Kultureinrichtungen nicht unbedingt bekannt ist. Ich glaube vielmehr, daß es da eine Begriffsverwirrung gibt. Die meisten denken, wenn sie von Sponsoring sprechen, an kurzfristige Spendenaktivitäten. Langfristiges strukturiertes Spendeneinwerben, das gibt es bei uns im Kulturbereich nur äußerst selten.

TheaterManagement aktuell: In Amerika besitzen Kulturinstitute seit langem positive Erfahrungen im Fundraising. Lassen sich die amerikanischen Erfahrungen auf die deutsche Situation 1:1 übertragen?

Olaf Zimmermann: Absolut nicht, und zwar deshalb nicht, weil wir eine vollständig andere Struktur und Verantwortung des Staates in der Finanzierung von Kultur haben. Bei uns haben in erster Linie die Länder, die Kommunen, sowie der Bund und ein wenig auch die EU, die historisch gewachsene Aufgabe für die Grundversorgung und damit auch für die Grundfinanzierung der Kultur zu sorgen. Die Bevölkerung und die Unternehmen gehen, ich denke auch ein Stück weit mit Recht, davon aus, daß in ihrer Steuerlast, die viel höher ist als in Amerika, eben auch diese Kulturförderung mit drin ist. Beides – also hohe Steuerlast plus private Finanzierung der Kultur – geht nicht. Trotzdem glaube ich, daß man von den Amerikanern lernen kann was das Einwerben zusätzlicher privater Mittel durch Spenden und Sponsoring angeht. Aber – und ich sage das sehr deutlich – wir reden hier über zusätzliche Mittel. Wenn sie sich einmal klarmachen, daß nach optimistischen Prognosen in Deutschland heute etwa 3 Prozent der Kulturetats aus privater Hand kommen, also 97 Prozent von der öffentlichen Hand erbracht werden, wird deutlich, daß eine Änderung von heute auf morgen für die meisten Kultureinrichtungen das „Aus“ bedeuten würde.

TheaterManagement aktuell: Wie beurteilen Sie das finanzielle Spendenpotential für kulturelle Einrichtungen in Deutschland?

Olaf Zimmermann: Ich glaube, daß das Spendenpotential noch erheblich ausbaufähig ist. Und wir werden hoffentlich zu einer Steigerung der Spendenmittel kommen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Spendenmarketing ist ein wichtiges Instrument für Kultureinrichtungen, die keine 100prozentige öffentliche Finanzierung haben. Aber in keinem Fall können Spendenmarketing und Sponsoring die öffentliche Finanzierung ersetzen. Es gibt im Moment keine Möglichkeit im Kulturbereich solche Mengen an Mitteln kontinuierlich zu erwirtschaften um z.B. ein Stadttheater finanzieren zu können. Selbst eine 100prozentige Steigerung innerhalb der nächsten 10 Jahre würde nur einen Anstieg von 3 auf 6 Prozent am Kulturhaushalt bedeuten. Wir reden hier über das Plus, über das Zusätzliche. Das muß man klar sehen, damit keine falschen Vorstellungen entstehen.

TheaterManagement aktuell: Werden wir einen Boom der Spendensammler für Kultureinrichtungen erleben?

Olaf Zimmermann: Wir werden erst einmal überhaupt Spendensammler für Kultureinrichtungen erleben, das ist ja bei uns noch neu. Wenn wir es Schaffen würden, daß wir uns ein bißchen etwas vom Umweltschutzbereich abgucken, wenn wir uns Strukturen entwickeln würden, wie sie im Umweltschutzbereich heute schon gang und gäbe sind, dann hätten wir schon eine ganze Menge erreicht.

TheaterManagement aktuell: Welche Einrichtungen werden hier zu den Gewinnern zählen und wer wird das Nachsehen haben?

Olaf Zimmermann: Gewinner werden die sein, die professionelle Strukturen aufbauen. Vielfach sind aber die Grundvoraussetzung noch nicht geschaffen. Selbst kleinste Kulturverbände brauchen heute professionelle Geschäftsführungen, um die Voraussetzungen für Spendenmarketing oder Sponsoring-Aktivitäten erfüllen zu können. Das kann nicht mehr der kleine Verband machen, der rein ehrenamtlich strukturiert ist. Und auch die großen Einrichtungen, die bereits über große Verwaltungskapazitäten verfügen, wie z.B. Theater, müssen Managementstrukturen schaffen, die sich mit professionellem Fundraising auskennen. Da stehen wir noch am Anfang.

TheaterManagement aktuell: Worauf sollten Kultureinrichtungen beim Spendensammeln unbedingt achten?

Olaf Zimmermann: Im Spendenbereich gibt es keine definierten Gegenleistungen, wie im Sponsoring, wo der Sponsor die Gegenleistung braucht, um seine Ausgaben als Betriebs-aufwand steuerlich geltend zu machen. Aber in Wirklichkeit muß ich natürlich auch den Spender ganz besonders behandeln und ihm eine Gegenleistung geben. Ich muß mir also erst einmal Gedanken machen, was ich überhaupt zu geben habe. Das geht von verbilligtem Eintritt zu einer Theateraufführung über den Blick hinter die Bühne bis zu einem Treffen mit den Schauspielern oder einem gemeinsamen Essen mit dem Intendanten. Diese Möglichkeiten muß ich schon in die Ansprache der potentiellen Spender mit einbringen.

TheaterManagement aktuell: Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fehler in diesem Bereich?

Olaf Zimmermann: Kultureinrichtungen müssen bereit sein, anzuerkennen, daß derjenige, der ihnen eine Spende gibt, gut behandelt werden muß, auch wenn er keinen Rechtsanspruch auf eine Gegenleistung hat. Damit meine ich nicht nur das Zusenden der Spendenquittung – das ist eine Selbstverständlichkeit – sondern regelmäßige Information über die Einrichtung, Transparenz und die Möglichkeit, bessere Zugänge zu der Einrichtung zu haben als andere. Wir brauchen eine Änderung der Grundvorstellung in den Einrichtungen, daß ihnen diese Mittel eigentlich zustehen würden. Das mag bei der öffentlichen Hand noch angehen, aber bei privaten Förderern funktioniert das nicht. Da muß man um diese Mittel werben, man muß darum bitten und das Bitten und das Werben fällt vielen Kultureinrichtungen äußerst schwer.

TheaterManagement aktuell: Welche Möglichkeiten bietet beispielsweise der klassische Verein der Freunde und Förderer?

Olaf Zimmermann: Das ist eine ganz wichtige Struktur. Zunächst einmal ist der Verein der Freunde und Förderer eine rechtliche Struktur neben der Einrichtung, mit der man viel freier arbeiten kann. In der Regel ist ein Verein notwendig um überhaupt Spendenquittungen ausstellen zu können, da die Einrichtungen in öffentlicher Trägerschaft selbst oft nicht dazu berechtigt sind. Die Spender sollten allerdings die Möglichkeit haben in so einem Verein auch wirklich mitarbeiten und mitbestimmen zu können. Ich glaube nicht, daß wir heute noch Honoratiorenvereine brauchen können. Ein Verein der Freunde und Förderer muß heute eine gut durchorganisierte Fundraisingorganisationen sein, die mit zeitgemäßen Managementmethoden das Ziel verfolgt, das zu fördernde Objekt zu unterstützen.

TheaterManagement aktuell: Welche Hilfestellungen gibt der Kulturrat?

Olaf Zimmermann: Der Deutsche Kulturrat ist als Spitzenorganisation von 208 Bundeskulturverbänden mit insgesamt über neun Millionen Mitgliedern zuständig für die politisch Lobbyarbeit in Bonn und Brüssel. Ich will ihnen einige Beispiele unserer Bemühungen um bessere Rahmenbedingungen aus dem Bereich des Spenden- und Sponsoringwesens sowie des Stiftungsrechtes nennen. Im Sponsoring haben wir uns lange für mehr Sicherheit bei der steuerlichen Behandlung eingesetzt. Nach der kürzlich erlassenen neuen Sponsoringverordnung, können Sponsoren ihre Aufwendungen jetzt beim Finanzamt steuerlich als Betriebsausgaben geltend machen. Leider wurde die Frage, wann ein gemeinnütziger Verein der Sponsoringmittel erhält körperschaftssteuerpflichtig wird, nur schwammig geregelt. Schon bei kleineren Sponsoringaktivitäten sollen gemeinnützige Vereine zur Körperschaftssteuerabgabe veranlagt werden können. Wir versuchen auf politischer Ebene dem entgegen zu wirken. Im Bereich des Spendenmarketings bemühen wir uns zum Beispiel um eine Vereinfachung des Spendendurchlaufs. Ein normaler gemeinnütziger Verein darf ja selbst keine Spendenquittung ausstellen. Er muß die Mittel quasi wieder über die Kommune laufen lassen. Eine wahnsinnig aufwendige Prozedur, die in den Kommunen eine ungeheuere Menge an Geld kostet und die gemeinnützigen Vereine in enorme Schwierigkeiten bringt, weil die Kommune natürlich nicht direkt diese Spendenquittungen ausstellt, sondern meistens nur einmal im Jahr und meistens viel zu spät. Für einen Verein ist es aber wichtig dem Spender innerhalb kürzester Zeit seinen Dank mitzuteilen und ihm die Spendenquittung zuzuschicken. Ganz besonders für kleinere kulturelle Vereinigungen wird es dadurch immer schwieriger Spendenmittel einzuwerben. Wir sagen, daß diese Durchlaufspendenstruktur weg muß. Man muß auch den kleineren Vereinen vertrauen, daß Sie Spendenquittungen nur in einem vernünftigen Maße ausstellen und man kann es ja auch kontrollieren. Wir versuchen darüber hinaus zu erreichen, daß das Stiftungsrecht, das bei uns wahnsinnig aufwendig geregelt ist, einfacher und praktikabler wird. Damit man bei uns eine Stiftung gründen kann, muß man nicht nur sehr viel Geld einsetzen, das heißt z.B. Verwaltungsstrukturen aufbauen, sondern man braucht mehrere Jahre Zeit. Das schreckt selbst die gutwilligsten Stifter ab. Das muß geändert werden, denn es gibt sehr viele Leute, die bereit sind Stiftungen einzurichten, um bestimmte kulturelle Zwecke auf Dauer zu unterstützen und es gibt auch genügend Geld in unserer Gesellschaft, das dafür zur Verfügung gestellt werden kann.

Vielen Dank für dieses Interview.
Zur Person
Olaf Zimmermann, Galerist und Publizist, Jahrgang 1961, arbeitete sieben Jahre für verschiedene Galerien in Deutschland bevor er sich 1987 selbständig machte. Bis zum Februar 1997 leitete er gemeinsam mit Brigitte Franken eine Galerie für zeitgenössische Kunst und ein Journalistenbüro in Mönchengladbach.

Für die Heinrich-Böll-Stiftung, Köln, koordinierte er von 1992-1997 den Bereich „Künstlerförderung“. Für den Hauptvorstand der IG Medien in Stuttgart bereitete er eine Kampagne zur Änderung des Urheberrechtes vor. Er ist Mitglied des Vorstandes der Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. (Deutscher Jugendliteraturpreis).

Seit dem 1. März 1997 ist Olaf Zimmermann Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates e.V. in Bonn

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