Live-Streaming bringt Kultur ins Netz

Das neue Medium lernt langsam laufen und verschafft Anbietern einen attraktiveren Content. Mit einer Konzertübertragung im Internet erregte auch der Online-Musikanbieter MCY.com (http://www.mcy.com) großes Aufsehen in der Szene. Als Sir Paul McCartney im Liverpooler Cavern Club am 14. Dezember letzten Jahres ein exklusives Konzert vor 300 Gästen gab, saßen 3.000 Gäste am PC und verfolgten die Show live via Internet, gratis. Vor Ort sollen die Eintrittskarten auf dem Schwarzmarkt für bis zu 1.000 englische Pfund gehandelt worden sein. Innerhalb von nur drei Tagen, an denen das aufgezeichnete Konzert im Netz zu sehen war, verzeichnete MCY.com (http://www.mcy.com), nach eigenen Angaben, 50 Millionen Hits auf seiner Website. Auch Star-Tenor Luciano Pavarotti hat Freunde im Internet und so befindet sich neben den Konzertmitschnitten von Mainstream Bands wie *NSY-NC der Livemitschnitt eines Konzertes der Pavarotti-Tournee von Oktober 1999 im Programm. Tausende haben sich die knapp einstündige Aufzeichnung in den drei Tagen, die das Konzert im Netz gezeigt wurde via Internet angesehen. MCY.com (http://www.mcy.com) sieht das Potenzial des klassischen Kultursektors. Für das Klassiksegment hat das Unternehmen inzwischen einen eigenen Opera-Club eröffnet, über den man sich per e-mail über Konzertübertragungen informieren kann. Allerdings vertreibt MCY.com in erster Linie Musik im Internet: Die Speicherkapazität des digitalen Warenhauses reicht aus für mehr als fünf Millionen digitaler Musiktitel. Auch handelsübliche CD´s sowie Merchandisingartikel der MCY-Künstler (T-Shirt, Videos, Bücher) sind im Angebot. Daneben werden Konzertübertragungen oder —mitschnitte im Internet kostenpflichtig als Pay-per-View oder Download angeboten. Für umgerechnet etwa sechs Mark kann man bei MCY einen halbstündigen Mitschnitt eines *NSY-NC Konzertes innerhalb von 38 Stunden beliebig oft ansehen. Der anderhalbstündige Mitschnitt kostet ca. 14 Mark, kann dafür aber auch innerhalb eines Zeitraumes von 72 Stunden mehrfach wiederholt gesehen werden. Neben den Pay-per-View-Angeboten werden Online-Übertragungen von Live-Veranstaltungen als Promotioninstrument eingesetzt, um Traffic auf der Website zu erzeugen. Zum Videostream-Programm gehören daher auch Backstage-Berichte und exklusive Interviews.

Promotion steht auch für Bernd Feldmann, Marketingleiter an der Bayerische Staatsoper (http://www.staatstheater.bayern.de/staatsoper/welcome.htm), bei Live-Übertragungen via Internet im Vordergrund. Feldmann, betreute bereits die Internet-Übertragungen der Bregenzer Festspiele im vergangenen Jahr. Live-Übertragungen bieten neue Informationsmöglichkeiten und erreichen viele, die sonst keinen Kontakt zum Theater oder zur Oper haben. Allerdings sind beim Einsatz des neuen Mediums hohe Qualitätsanforderungen an das Bildmaterial zu stellen. Eine wesentlichen Voraussetzungen um kulturelle Veranstaltungen ins Netz zu bringen, sind, so Feldmann, gutes Bildmaterial und leistungsstarke Serverkapazitäten. In Bregenz konnte dazu im letzten Jahr auf das TV-Bildmaterial des ORF zurückgegriffen werden, der mit mehreren Kamerateams die Aufführung aufzeichnete. Je interessanter das Bildmaterial, desto reizvoller ist die Übertragung und desto länger verweilt der Betrachter. Aufnahmen in der Totalen sind insbesondere bei den noch relativ kleinen Bildformaten ungeeignet und langweilen den Betrachter schnell. Für die Aufzeichnungen und Ausstrahlungen im Internet gilt damit das gleiche wie für TV-Übertragungen. Wie das Bild beim Nutzer ankommt ist dann auch von dessen Internetanbindung, Software und Hardware abhängig. Bei den aktuellen technischen Entwicklungen dürften Live-Übertragungen und Videos im Internet allerdings bald zum allgemeinen Standard gehören. Einen Überblick über das, was bereits heute im Internet an Live-Übertragungen zu sehen ist, liefert die Website www.texxas.de (http://www.texxas.de). In Bezug auf die technische Infrastruktur, sprich Serverkapazitäten, ist eine sorgfälltige Auswahl des Providers ratsam. Zu prüfen ist, so Friedhelm Rodenbusch, von der Multimedia Gesellschaft 4Front (http://www.4front.de) in Zweibrücken, ob der Provider über die Videosoftware-Lizenzen und über ausreichende Bandbreiten beziehungsweise Standleitungen verfügt, um den erwarteten Zugriffen standzuhalten. 10.000 gleichzeitige Zugriffe erfordern dabei in gleicher Zahl Standleitungen, so Rodenbusch. Um 33 Stunden aufzuzeichnen und zwischenzuspeichern ist beispielsweise eine Festplattenkapazität von 70 Gibabyte erforderlich, weiß der Multimedia-Fachmann. 4Front hat erste Erfahrungen als Dienstleister für Live-Streamings im Sportbereich gesammelt und auch schon einmal eine Live-Übertragung eines Tourneetheaters betreut.

Der Markt entwickelt sich gerade erst
Live-Übertragungen sollen auch Bestandteil des neuen Entertainment-Portal ShowNet.de (http://www.shownet.de) sein, dass die Deutsche Entertainment AG zusammen mit der Film- und TV-Produktionsgesellschaft MME aufbauen will. Als erstes full-service Live-Music-Portal im Internet soll ShowNet.de exklusive redaktionelle Informationen von Szenenews über Tour-Kalender bis Künstler-Biografien sowie umfangreiche Commerce-Möglichkeiten (Tickets, Merchandising, CD´s und Downloads) und Community-Elemente wie Chat-Channels, Fan-Foren und Tickettauschbörse bieten, so die vollmundige Ankündigung auf der diesjährigen Popkomm. Dabei soll das Portal von der Nähe der DEAG und MME zu Events und Künstlern profitieren. Access to Stars lautet der maßgebliche Erfolgsfaktor. Die Finanzierung soll durch Sponsoren sowie die Weiterverwertung von Content und Live-Streams für Video, DVD und TV unterstützt werden. Der Rest fällt unter die Rubrik „Marketingkosten“. Zugpferde für das Portal sind zunächst Mainstream-Angebote. Wenn das Portal etabliert ist und die Angebote eingespielt sind, dann sind weitere Channels, zum Beispiel für die Musical- und die Varietéebühnen, denkbar, so Justus Becker, Leiter Onlinebusiness Developement. Damit ist aber, laut Becker, nicht vor Anfang oder Mitte 2001 zu rechnen. Zunächst einmal will das Unternehmen lernen und das Angebot schrittweise ausweiten.

Auch der Ticketanbieter, CTS EVENTIM AG (http://www.eventim.de), will Live-Übertragungen zur Traffic-Steigerung und Kundenbindung auf seiner Website nutzen. Bei einem ersten Projekt, der Übertragung vom Hurrican Festival, einem Open Air Konzert mit Auftritten von über 30 Bands, wurden nach Aussagen von Wolf von Schenk, verantwortlich für den Internetbereich der CTS EVENTIM AG, bereits 100.000 Hits verzeichnet. Für die Bands und Künstler eröffnet sich damit gleichermaßen eine neue Werbeplattform. Und auch die Fans profitieren, da sie zum Beispiel bereits ausverkaufte Konzerte und Aufführungen sehen können, oder solche zu denen sie selbst aus Zeitgründen nicht fahren konnten. Im Vordergrund steht aber auch hier die Attraktivitätssteigerung des Angebotes, um Kunden zu gewinnen und zu binden.

Wahrscheinlich guckt gar keiner
Derzeit setzt sich die Gruppe der User überwiegend aus internet- und computeraffinen Zielgruppen zusammen. Allerdings weitet sich der Kreis der Internetnutzer, im Gleichschritt mit der immer weiter zunehmenden Haushaltsausstattung mit PC und Internetanschluss, aus. Längst ist das Internet auch nicht mehr die Domäne der Computerfreaks. „Frequent surfer“ finden sich immer häufiger auch in den, für den Klassikbereich relevanten, älteren Zielgruppen. Hier eröffnen sich in naher Zukunft neue Möglichkeiten Kunden mit Informationen aber auch mit Produkten, von Büchern und Noten über CD‘s, DVD‘s bis hin zu Reisen und anderen Merchandisingartikeln, genauso wie im Rock / Pop-Bereich zu bedienen. Darüber hinaus dürfte das neue Medium zweifellos neue Zielgruppen erreichen und ist ohnehin ein wichtiger, wenn nicht sogar unverzichtbarer Kommunikationskanal, will man mit der Jugend im Dialog bleiben. Dass das Medium unter Kulturinteressierten bereits akzeptiert ist, zeigt unter anderem auch die Nutzung bestehender Angebote. So verzeichnet beispielsweise die Website der Bayerischen Staatsoper deutlich ansteigende Nutzerzahlen, wie Bernd Feldmann, berichtet. Besonders erfreulich ist für den Marketingfachmann, die inhaltliche Auseinandersetzung der Nutzer mit kulturellen Themen, was die Beiträge auf dem „Schwarzen Brett“ der Bayerischen Staatsoper unter http://www.staatstheater.bayern.de/staatsoper/homeod.htm sehr gut wiedergeben.

Access to Stars — Ohne Rechte geht nichts
Tatsächlich sind Live-Übertragungen aber nichts Neues. Für das Internet gelten insofern die gleichen Regeln wie für das Fernsehen, insbesondere in Bezug auf die Verwertungsrechte. Die Nähe zum Künstler ist dabei eine wichtige Voraussetzung. In Bregenz gab es, so Bernd Feldmann, allein deshalb keine Probleme, weil die Übertragung nicht mit Einnahmen verbunden war. Die Sponsoren haben vor allem Sachleistungen eingebracht. Schutz- und Urheberrechte könnten allerdings, insbesondere für die öffentlich subventionierte Kultur, ein wesentlicher Hemmschuhe für diese neue Form von Promotion und Kundenbindung sein.

 

 

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