Situation im Musicalmarkt

TM: Welche Position wird das Musical Ihrer Meinung nach im kulturellen Angebot in Zukunft einnehmen?
Dr. Wolfgang Jansen:
Das Musical ist das lebendigste Musiktheater der Gegenwart. Insofern wird es weiterhin eine große Bedeutung haben, sowohl im privaten als auch im öffentlich finanzierten Theater.

TM: Was hat sich in diesem Markt aus Ihrer Sicht seit dem Anfang der 90er Jahre verändert?
Dr. Wolfgang Jansen:
Eine Menge! Beispielsweise hat sich das Spielplanangebot seit Anfang der neunziger Jahre enorm gesteigert. Die Besucherzahlen wuchsen in Größenordnungen, die zunächst niemand für möglich gehalten hatte. Nicht alle Standorte ließen sich gleichwohl — auch bei guten Inszenierungen — durchsetzen. Es gibt inzwischen einige gute deutsche Musicalautoren und Komponisten. Und nicht zuletzt gibt es in diesem Jahr bereits den 4. Musicalkongress der GUBK, auch eine Entwicklung, die Anfang der neunziger Jahre niemand voraussehen konnte.

TM: Welche ernstzunehmenden Produzenten und Produktionen sind in diesem Segment derzeit noch am Markt?
Dr. Wolfgang Jansen:
Der private Musicalmarkt ist ausgesprochen dynamisch. Gegenwärtig gibt es fünf Unternehmen, die in Deutschland 12 große Sit-Down-Produktionen dem Publikum anbieten: in Oberhausen spielt „Falco Meets Amadeus“, in Füssen „Ludwig II“, in Essen „Elisabeth“, in Stuttgart „Tanz der Vampire“ und „Cats“, in Berlin Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“, in Bochum „Starlight Express“, in Hamburg „Mozart“, „Oh what a night“ und Disneys „Der König der Löwen“, in Köln „Saturday Night Fever“ und in Düsseldorf „Miami Nights“. Wenn Sie weiterhin die kleineren privaten Spielstätten wie Schmidts Tivoli und das Imperialtheater in Hamburg oder die Neuköllner Oper in Berlin hinzurechnen, weitet sich das Spektrum. Und wenn Sie schließlich daran denken, dass eine ganze Anzahl von Tourneeproduktionen auf dem Markt sind, oder gar die Musicaltheater in Österreich und der Schweiz berücksichtigen, haben Sie eine Vielzahl von Produzenten, die mit großem Engagement, Verantwortung und kreativer Lust das Interesse der Besucher versuchen anzusprechen.

TM: Wieviel Prozent davon, werden Ihrer Meinung nach in zwei Jahren noch bestehen?
Dr. Wolfgang Jansen:
100 Prozent des Marktes. Natürlich würde ich „Kaffeesatz-Leserei“ betreiben, wenn ich jetzt sagen wollte, wie lange einzelne Stücke noch laufen. Ich bin nicht schlauer als die Menschen in den Unternehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich der Markt sogar noch ausdehnt. Bekanntlich gibt es einige Pläne, weitere Spielstätten, etwa in Berlin, zu eröffnen.

TM: Machen die Produzenten aus Ihrer Sicht etwas falsch?
Dr. Wolfgang Jansen:
Die Frage lässt sich nicht abstrakt beantworten, zumal sie davon ausgeht, dass die Produzenten etwas falsch machen. Man muss sich immer vor Augen halten, dass wir es beim Musical mit Theater zu tun haben, mit Kunst. Ein durchaus flüchtiges Produkt zumal, von dem niemand im Vorfeld einer Uraufführung oder Premiere mit Sicherheit weiß, ob und wie lange es die Zuschauer interessiert. Da scheint es mir nur natürlich, dass nicht alle Hoffnungen in Erfüllung gehen.

TM: Unter den Reisebusunternehmen war bereits beim letzten RDA Workshop eine große Verunsicherung in Bezug auf Musicalangebote zu spüren. Wie glauben Sie, kann die Branche das Vertrauen dieses wichtigen Vertriebspartners wiedergewinnen?
Dr. Wolfgang Jansen:
Die Reiseveranstalter brauchen natürlich verlässliche Informationen, um ihre Kunden zufrieden stellen zu können. In der Regel werden zwischen den Theatern und Busunternehmen ja bilaterale Geschäfte geschlossen, bei dem sich die Beteiligten schon lange kennen. Besorgnis kommt auf, wenn eine Produktion nicht die erhofften Verkaufszahlen erreicht und die Laufzeiten verkürzt werden. Das kollidiert dann mit den langfristigen Angeboten der Reiseveranstalter. Beruhigend ist, dass die Nachfrage nach Tickets weiterhin erfreulich hoch ist.

TM: Welche ist Ihre Lieblingsproduktion?
Dr. Wolfgang Jansen:
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten: Es gibt eine ganze Reihe von Stücken, die zu meinen All-Time-Favorits gehören: von Kurt Weill etwa, Stephen Sondheim, Cy Coleman, John Kander oder Andrew Lloyd-Webber. In Bezug auf die aktuelle Situation in Deutschland schätze ich die Arbeiten von Michael Kunze sehr. „Elisabeth“ ist einfach klasse! Ich bin zudem wie die meisten Zuschauer fasziniert von der Klangwelt und Bildersprache des „Königs der Löwen“. Ich genieße aber auch kleinere Produktionen, wie etwa im Schmidts Tivoli „Swinging St. Pauli“, eine Uraufführung über die Swing-Kids der frühen vierziger Jahren. Hinreißend!

Dr. Wolfgang Jansen

Vorsitzender der GUBK
Gesellschaft für unterhaltende Bühnenkunst

Dr. Wolfgang Jansen wurde 1951 in Hamburg geboren. Er studierte an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaft und Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über die Entwicklungsgeschichte des Varietétheaters. Er verfasste eine Reihe von Publikationen zum Entertainment in Deutschland, die inzwischen als Standardwerke gelten, so etwa über die Glanzrevuen der Zwanziger Jahre, das Varieté und Musical, lehrte an verschiedenen Universitäten Theaterwissenschaft und Kulturmanagement, erstellte diverse Ausstellungskonzepte zu verschiedenen Aspekten städtischer Vergnügungskultur, ist seit 1991 Vorsitzender der GUBK, der Gesellschaft für unterhaltende Bühnenkunst, konzeptioniert und organisiert in dieser Eigenschaft u.a. die Musical-Kongresse und war vier Jahre im Management des Düsseldorfer Capitoltheaters im Bereich Projektentwicklung tätig. Zu seinen Aufgabenbereichen gehörten u.a. der Aufbau einer Musicalschule, die Durchführung der „Düsseldorfer Reden zu Kultur & Wirtschaft“ sowie die Etablierung eines Musical Awards. Er unterrichtet zur Zeit an der Folkwang Hochschule Essen Musicalgeschichte und —dramaturgie und arbeitet im Bereich Urban Entertainment bei der landeseigenen Projekt Ruhr GmbH.

 

 

Share
Dieser Beitrag wurde unter Management, Marketing, Produktion abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.