„Trend zum Mainstream ist nicht das Erfolgsrezept für mehr Publikum“

TheaterManagement aktuell: Kritiker des Barometers halten den isolierten Blick auf die Besu-cherzahlen für zu oberflächlich? Warum beschränken Sie sich in Ihrer Betrachtung nur auf die-sen Aspekt?
Nicolaus Steenken: Weil es schon sehr wichtig ist, wie viele zahlende Besucher ein Kulturbetrieb anzieht. Selbstverständlich wären auch andere Kennzahlen interessant, aber auch noch viel schwieriger zu erheben und zu interpretieren. Wie messe ich zum Beispiel die Auslastung eines Kunstmuseums?

TheaterManagement aktuell: Mit dem Publikumsbarometer schaffen Sie ein klares Ranking der Kultureinrichtungen. Fördern Sie damit nicht den Trend zu Mainstream und bloßer Publikums-orientierung?
Nicolaus Steenken: Wir stellen zunächst Fakten dar und werten nicht. Daneben beobachten wir, dass der Trend zum Mainstream nicht das Erfolgsrezept für mehr Publikum ist- denken Sie an Simon Rattles neue Programmkonzeption für die Berliner Philharmoniker oder Peter Jonas gewagte Inszenierungen für die Bayerische Staatsoper. Eher geht es doch darum, eine klare Al-leinstellungsposition aus Sicht des Publikums zu erarbeiten. Insofern könnte eine stärkere Publikumsorientierung vielen Kulturbetrieben sehr gut tun.

TheaterManagement aktuell: Gegenüber dem vergangenen Jahr bescheinigen Sie den Top 50 Kulturinstitutionen insgesamt einen Zuwachs von 3,6 Prozent. Wie ist diese Entwicklung Ihrer Meinung nach zu interpretieren?
Nicolaus Steenken: Die Nachfrage nach Veranstaltungen der Hochkultur ist offenbar weniger krisenanfällig als andere Veranstaltungsbereiche. Der 11. September hat 2001 offenbar nur zu kurzfristiger Abstinenz geführt. Das Bedürfnis nach Sinn stiftender Freizeitbeschäftigung steigt gerade in solchen Zeiten und davon konnten offenbar besonders die besucherstarken Kulturbe-triebe profitieren.

TheaterManagement aktuell: Welche Aussagen lassen sich Ihrer Meinung nach aus den Besu-cherzahlen für den Bereich der Konzerthäuser, Theater und Opern ableiten?
Nicolaus Steenken: Interessant ist doch zunächst, dass die Konzerthäuser so viel Publikum an-ziehen. Hierzu lagen vor der Veröffentlichung des Publikumsbarometers keine Daten vor. Im-merhin sind 3 Konzerthäuser unter den Top 5 vertreten. Die Tatsache, dass die Opernhäuser sich gut positionieren konnten ist ebenfalls ermutigend. Viele 3-Sparten-Häuser zählen eben-falls zu den Top-50, obwohl sie überwiegend regionales Publikum haben. Auch Kulturbetriebe erlebt das Publikum eben wie eine Marke, deren Qualitätsversprechen man vertraut.

TheaterManagement aktuell: Als Managementberater kümmern Sie sich auch um die Belange von Kulturbetrieben. Wo sehen Sie die drängensten Probleme der Konzert- und Bühnenbetriebe in Deutschland?
Nicolaus Steenken: Die Finanznot der öffentlichen Hand ist dramatisch und zwingt die meisten öffentlich geförderten Kulturbetriebe dazu, mit weniger öffentlichen Mitteln auszukommen. In dieser Situation müssen alle Register der Effizienzsteigerung und der Erschließung neuer Ein-nahmepotenziale gezogen werden, ohne die Identität und Werte des Betriebs zu aufzugeben.

TheaterManagement aktuell: Welche Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht erforderlich, um diese Situation zu verbessern?
Nicolaus Steenken: Die Kulturbetriebe sollten z.B. Anreize bekommen, unternehmerisch zu handeln. Die öffentlichen Zuschussgeber sollten möglichst klare, mehrjährige finanzielle Rah-menbedingungen schaffen. Selbst wenn diese sehr schmerzhaft sind, ist das immer noch bes-ser, als ein sich jährlich wiederholender Existenzkampf, der über viele Monate alle Ressourcen des Managements bindet. Überplanmäßige Effizienzsteigerungen oder zusätzliche Einnahmen dürfen dann nicht automatisch zu Kürzungen der Zuschüsse führen, sondern können ins Pro-gramm oder Projekte investiert werden.

TheaterManagement aktuell: Deutschland steuert bekanntermaßen unaufhaltsam auf eine Ge-sellschaft der „Alten“ zu. Bald wird jeder Zweite hierzulande über 50 Jahre alt sein. Welche Auswirkungen wird diese Entwicklung Ihrer Meinung nach auf den Kultursektor haben?
Nicolaus Steenken: Tendenziell Positive. Das Interesse für die Angebote der klassischen Hoch-kultur wächst mit zunehmendem Lebensalter. Immer mehr Senioren sind zukünftig noch im ho-hen Alter so fit, dass sie problemlos Veranstaltungen besuchen können und wollen. Andererseits bedeutet das für das Programmangebot besondere Herausforderungen, da die älteren Besucher häufig Neuem/Unbekanntem gegenüber nicht mehr so aufgeschlossen sind.

TheaterManagement aktuell: Welche Bedeutung haben vor diesem Hintergrund die jungen Ziel-gruppen, die heute oft vergeblich unter den Gästen der Kulturinstitutionen gesucht werden?
Nicolaus Steenken: Die sind die Zukunft! Aber nur wenn es gelingt, diese Zielgruppen wirklich in den Veranstaltungen zu begeistern und nicht nur durch billige Studentenkarten. Die Kulturbe-triebe sollten ihr jüngeres Publikum sehr gut kennen und wissen, wodurch es zu begeistern ist.Manchmal sind dazu auch neue Veranstaltungsformate und neue „Verführungsstrategien“ notwendig.

TheaterManagement aktuell: Wie können sich Konzert- und Bühnenbetriebe schon heute auf diese Situation vorbereiten?
Nicolaus Steenken: Da möchte ich einen Satz aus Tomaso de Lampedusas Leopard zitieren: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, müssen wir alles ändern“. Eine Finanzierungs-krise kann auch eine Chance sein, sich selbst neu zu erfinden.

TheaterManagement aktuell: Gestatten Sie mir zum Abschluss noch eine Frage zu Ihren eigenen Plänen. Wie wird die METRUM Managementberatung diese Veränderungsprozesse in Zukunft begleiten?
Nicolaus Steenken: Jeder Kulturbetrieb hat seine ganz spezifischen Herausforderungen und Probleme, Patentrezepte sind fehl am Platz. Deshalb steht vor jeder wirksamen Therapie eine fundierte Diagnose, die von den wesentlichen Entscheidungsträger auch akzeptiert wird. Darauf basierende tief greifende Reformen können oft nur in Abstimmung mit den politischen Entschei-dungsträgern geschaffen werden. Eine neutrale Begleitung von außen kann häufig sowohl die Qualität bzw. Akzeptanz der Diagnose als auch die konsequente Umsetzung einer Therapie deutlich verbessern.

Vielen Dank für das Interview.

 

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