Matthias Nitsche, Technischer Direktor der Bremer Theater: „Wir brauchen nicht noch mehr schick aussehende, aber schlecht verfügbare Technik“

TheaterManagement aktuell: Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Veränderungen in diesem Bereich in den letzten 10 Jahren?

Matthias Nitsche: Aus der klassischen Theatertechnik wurde die Veranstaltungstechnik und wir brachen gemeinsam mit unseren Kollegen aus dem Eventbereich zu neuen Ufern auf. Am deutlichsten ist dies im Bereich der Ausbildung und Ausdifferenzierung neuer Berufsbilder zu beobachten. Diese Veränderung gilt aber nicht nur in der Veranstaltungstechnik, sondern für den gesamten Kulturbereich. Auch in der Organisation von Kultur werden dadurch neue Qualitäten erreicht.

TheaterManagement aktuell: Welche Entwicklungen stehen uns bevor?

Matthias Nitsche: Hoffentlich keine „Amerikanisierung“ in diesem Bereich. Und hoffentlich eine Beruhigung im Bereich rechnergestützter Systeme. Wir brauchen nicht noch mehr schick aussehende, aber schlecht verfügbare Technik. Der derzeit übliche Probebetrieb am Kunden kostet uns alle zuviel Energie. Design follows function war ein guter Grundsatz. Das gilt auch für alle Softwareschreiber! Ansonsten bleibt es natürlich spannend. Und weiterhin für Überraschungen gut. So war diese Branche immer.

TheaterManagement aktuell: Was erwarten Sie von den kommenden Branchenveranstaltungen. Welches ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Termin?

Matthias Nitsche: Ich besuche seit Jahren sehr gern die Prolight und Sound in Frankfurt. Diese Messe ist nach wie vor innovativ und verbessert kontinuierlich ihren Auftritt. Ein weiterer wichtiger Termin ist für mich die Showtech, auch wenn dort der Wohlfühlfaktor etwas eingeschränkter erscheint. Sehr gern gehe ich auch auf die Plaza die sehr gut ist, um globale Trends zuerkennen.

TheaterManagement aktuell: Wo sehen Sie heute die größten Schwachstellen in Bühnenbetrieben?

Matthias Nitsche: Da geht es den Bühnen- wie allen Betrieben: mir erscheint unser Umbau der Bedingungen für Kultur noch immer zu langsam. Manchmal geht es zu wie in Duodezfürstentümern mit Rechnerunterstützung. Gerade die in Sicherheitsfragen notwendige Linienstruktur der technischen Abteilung und dazu dieser unerträgliche Tarifwirrwarr machen uns allen das leben schwer. Auch die ab und an noch zu beobachtende allgemeine Selbstzufriedenheit bringt uns natürlich nicht weiter.

TheaterManagement aktuell: Vielfach muss mit einer veralteten Technik gearbeitet werden, da das Geld für neue Anlagen fehlt. Wie geht man mit diesem Problem im Alltag um?

Matthias Nitsche: Da gibt es aus meiner Sicht nur einen weg: kreativ. Auch manche alte Anlage entfaltet bei ordentlicher Pflege noch ihre Möglichkeiten und zudem einen eigenen Charme.

TheaterManagement aktuell: Welche Maßnahmen im Bereich der Bühnentechnik halten Sie für besonders geeignet, um dem allgemeinen Spardruck zu begegnen?

Matthias Nitsche: Da will ich nur auf zwei Beispiele eingehen: einmal die weitere Auflösung historischer Gewerkgrenzen. Es gibt eben heute nicht mehr viele Aufgaben für den „Kulissenschieber“, der sich in den großen Häusern noch in die linke und die rechte Seite aufteilt. Auch die Unterteilung in Bühne, Licht und Ton wird von den engagierten Veranstaltungstechnikern schon heute ad absurdum geführt. Zum anderen habe ich in meiner eigenen beruflichen Erfahrung häufig mit Rationalisierung im Bereich TUL (Transport, Umschlag, Lagerung) Erfolge verzeichnen können.

TheaterManagement aktuell: Von einem Kollegen hörten wir einmal die Aussage, dass die Kosten deutlich reduziert werden könnten, wenn die Spielplangestaltung besser mit der Bühnentechnik abgestimmt wäre. Welche Einsparungsmöglichkeiten sehen Sie in diesem Zusammenhang und wie könnten diese Einsparungspotenziale Ihrer Meinung nach genutzt werden?

Matthias Nitsche: Ich höre dieses Argument häufig. Sehen sie sich dann allerdings die Probleme beim Disponieren von Repertoirebetrieben an, müssen sie feststellen, dass auch unsere künstlerischen Kollegen sehr häufig ihre Spielpläne um die Verfügbarkeit von Dirigenten, Sängern, Schauspielern und den großen kollektiven (Chor und Orchester) herumbauen müssen. Da fallen dann technische Argumente häufig hinten rüber. Die Spielplanung zeigt immer, wie es um die gegenseitige Achtung bestellt ist. Entwickelt man also diese Streitkultur zwischen Kunst und Technik, wird es sich sicherlich positiv auf den Betrieb auswirken. Die erzielten Einsparungen können dann als Qualität dem Probenbetrieb zur Verfügung gestellt werden und sollten nicht an den Kämmerer/ Geschäftsführer zurück fließen.

TheaterManagement aktuell: Wie sieht beispielsweise die Situation in Bremen aus? Gibt es dort Optimierungsmöglichkeiten im Bereich der Bühnentechnik?

Matthias Nitsche: Ich bin erst 10 Monate technischer Direktor der Bremer Theater. Und frei nach Helmuth Großer: Im ersten Jahr lernt man seinen Betrieb kennen. Über Optimierungsmöglichkeiten spreche ich täglich mit meinen Mitstreitern. Im stillen Kämmerlein.

TheaterManagement aktuell: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Mitarbeitermotivation und wie ist darum bestellt?

Matthias Nitsche: Persönlich sehe ich den Wert eines selbstmotivierten Mitarbeiters außerhalb jeder Quantifizierung. Da wir uns alle ständig der Weiterentwicklung unseres Fachwissens widmen müssen, würde ich die Motivation für eine Arbeit heute eher als Basis sehen wollen. Im Bereich der neuen Techniken scheint es manchmal allerdings schwierig, auch ältere Mitarbeiter einzubeziehen. Stellen sich jedoch Kollegen und vorgesetzte dieser Aufgabe, entsteht plötzlich ein ganz neues Miteinander. Und das motiviert dann alle, einen neuen Schritt zu wagen.

TheaterManagement aktuell: Der technologische Wandel stellt zudem hohe Anforderungen an das Fachpersonal. Ist das technische Know-how in den Häusern aus Ihrer Sicht zufrieden stellend?

Matthias Nitsche: Ich würde es als entwicklungsfähig bezeichnen. Besonders schwierig ist es jedoch gerade zurzeit. Wir müssen nicht nur in Bezug auf die Interaktion Mensch-Maschine unser Wissen weiterentwickeln, sondern wir müssen auch die Beziehungen zwischen den Menschen in die Programme einbeziehen. Und die Programme kosten Zeit und Geld, zwei Ressourcen, die immer knapper werden. Trotzdem führen wir immerhin einige durch. Und zumindest diese Ergebnisse sind zufrieden stellend.

TheaterManagement aktuell: Was muss ein Bühnenbetrieb aus technischer Sicht bereits heute berücksichtigen, um seiner Aufgabe in Zukunft gerecht zu werden?

Matthias Nitsche: Vielleicht zuallererst Kenntnisse der langen Tradition des Theaters und auch der historischen Entwicklung der zum Einsatz kommenden Techniken. Denken sie nur an den besonderen, schlichten Reiz der klassischen Barockoper! Und dann lohnt bei den großen Betrieben zwischen 500 und 1000 Beschäftigten unbedingt auch ein Blick über die Grenzen der eigenen Branche in Richtung Industrie. Ein Repertoire mit 50 Titeln wirft eben meistens ein klassisches Transport- und Lagerproblem auf. Aber in Fragen der Aufbau- und Ablauforganisation hat sich in den meisten Häusern schon einiges bewegt. Ob beim WDR oder in den Stadt- und Staatstheatern, auch die Verwaltungen arbeiten heute modern und entwickeln ihre eigenen Organisationsmodelle. Hinzu kommen die betriebswirtschaftlichen Aspekte.
Doch nicht zu vergessen: unsere Neugier wird sicherlich immer das wichtigste sein.

TheaterManagement aktuell: Wie wird Ihrer Meinung nach die Kultur- und Veranstaltungslandschaft in Deutschland in Zukunft aussehen?

Matthias Nitsche: Zum einen wird natürlich bei gleich bleibender Politik jährlicher Budgetminderungen direkt durch Kürzungen oder indirekt durch Verweigerung der Mittel für tarifliche und allgemeine Preissteigerungen der öffentliche Sektor weiter ausgedünnt. Wir haben uns leider schon zu sehr an die Meldungen über Sparten- und Hausschließungen gewöhnt. Natürlich darf man dabei auch nicht vergessen, dass in den letzten 15 Jahren auch jede Menge kommerzielle Unternehmen Ergebnisse zeigen. Hier ist neben der Eventszene ein neu kreierter Markt entstanden, der eben auch die klassische Theatertechnik kräftig fortentwickelt und die heutige Veranstaltungstechnik begründet hat. Auf der anderen Seite beobachte ich gerade in dieser oft als sozial kalt bezeichneten Zeit wieder ein anwachsendes Interesse an Oper, Schauspiel und Ballett. Jeden Abend TV-Konsum wird auf Dauer auch nicht als befriedigend empfunden. So kann es auch wieder zu neuen Impulsen in unseren Häusern kommen. Gute und der Beschleunigung unserer Zeit wohltuend entgegenwirkende Aufführungen des klassischen und modernen Repertoires werden immer die beste Werbung für uns sein. Insgesamt wird die Branche sicher ein weiteres Wachstum erwarten können. Den Löwenanteil an diesem Aufwärtstrend werden jedoch eindeutig die Kollegen aus dem Eventbereich für sich verbuchen können.

Matthias Nitsche
Technischer Direktor der Bremer Theater

Matthias Nitsche studierte Maschinenbau, bevor er sich Anfang der achtziger Jahre dem Theater zuwandte. Technik und Ausstattung waren die Bereiche, innerhalb derer er verschiedenste Funktionen innehatte, u.a. am Maxim-Gorki-Theater Berlin, an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin, am Thalia-Theater Hamburg und als stage supervisor für das Robert-Wilson-Projekt „The Black Rider“. 1992 übernahm Nitsche die Position des Technischen Direktors der Theater & Philharmonie Essen GmbH und wechselte 1996 in gleicher Position an die Deutsche Oper am Rhein (Theatergemeinschaft Düsseldorf Duisburg).

Seit der Spielzeit 04/ 05 ist er Technischer Direktor der Bremer Theater. 1994 gründete er das Ingenieurbüro cultec, das sich mit Beratung und Planung beschäftigt. Seit 1995 ist er im Deutschen Institut für Normung (DIN) im Fachausschuss für Veranstaltungstechnik tätig. Als Mitglied der nordrhein-westfälischen Prüfungskommission für Bühnen- und Beleuchtungsmeister engagiert Nitsche sich für den Nachwuchs; freie Beratungs- und Planungstätigkeiten im Bereich Bühnen- und Veranstaltungstechnik sowie künstlerische Aufgaben (Bühnenbild für eine „Fidelio“-Produktion mit Tobias Richter in Sao Paulo, Brasilien, Raum-Konzept für das Projekt „Ring 2000“ im Landschaftspark Duisburg-Meiderich, Deutschland, Bühnenbild für „Don Giovanni“, „Don Pasquale“ und „Norma“ in Oporto, Portugal, für „I Puritani“ und „Il pirata“ in Biel/Bienne, Schweiz, und in Nantes, Frankreich, sowie „L’italiana in Algeri“ in Castellon, Spanien, „La Traviata“ in Cork, Irland, Castellon, Spanien, und Thessaloniki, Griechenland und „Il barbiere di Siviglia“ beim Holland Park Festival, London und MIR Gelsenkirchen) runden sein Profil ab.

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