Tanz- Fortschreitende Marginalisierung oder Wege aus dem Schattendasein?

In Deutschland hat der Tanz eine große Plattform und viele Bewunderer, unter anderem demonstrierbar am Erfolg des Wuppertaler Tanztheaters unter Pina Bausch. Tanz erfüllt scheinbar alle Bedingungen, um „die Kunstform der Zukunft“ zu werden, wie es der Düsseldorfer Stadtdirektor Grosse-Brockhoff 2004 formulierte.

Ein Blick auf die momentane Situation des Tanzes in Deutschland lässt diese Hoffnung jedoch wieder auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Das erste Opfer der radikalen Sparmaßnahmen in der Kulturförderung ist oft die Sparte Tanz, die trotz aller Innovationsschübe der letzten Jahre zu keiner Autonomität an den Theatern gelangen konnte. Im Zuge dieser „Kulturdiät“ fallen nicht nur die kleinen Tanztheater, sondern beispielsweise 2004 auch das Frankfurter Ballett und mit ihm Altmeister William Forsythe. Auch für die Politik bleibt der Tanz ein kulturelles Stiefkind, das immer noch um seine eigene politische Lobby kämpfen muss. Seinen Unterhaltungsanspruch musste er im Zuge der technischen Entwicklungen an anderweitige Medien abgeben und sich mit dem Stellenwert des unregelmäßig gegönnten Kulturgenusses begnügen. Zudem hadert der Tanz mit dem Problem der Flüchtigkeit seiner Aufführungen. Seit den 70er Jahren nimmt die Anzahl speziell ausgebildeter Kulturjournalisten sowie der Fernsehübertragungen kontinuierlich ab. Doch der Tanz und seine Anhänger wehren sich gegen die ihnen zugeteilte Randposition. Laut Angaben des Deutschen Bühnenvereins wollen allein 1.500 von den Stadt- und Staatstheatern beschäftigte Bühnentänzer mit festen Verträgen an 70 Tanzkompanien in Deutschland ihren Beruf und gleichzeitig ihre größte Leidenschaft als autonome und gleichwertige Kunstform verankern. Doch nicht nur eine finanzielle Unterstützung ist hierfür von Nöten, sondern ebenso eine stärkere Förderung des öffentlichen Bewusstseins für Tanz sowie die Weiterführung von Netzwerken innerhalb der Tanzorganisationen. Hier haben sich in den letzten Jahren viele Projekte in der freien Tanzszene entwickelt, die diese Ziele umsetzten wollen.

Trotz den zahlreich aufgekeimten Förderplattformen sind und bleiben die Bundesländer und die Kommunen die größten Förderer des Tanzes. 2005 flossen ca. 97 Millionen Euro durch die Stadt- und Staatstheater in die Sparte Tanz. „Die von Ländern und Kommunen unterhaltenden Tanztheater-Ensembles sind der Grundstein für den künstlerischen Erfolg zahlreicher Compagnien und Choreografen“, so Prof. Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Das der Tanz dabei weiterhin nur eine verhältnismäßig geringe Präsenz besitzt, wird allein im Vergleich mit dem Theater deutlich: Den 3.090 Aufführungen aus 512 Produktionen des Tanztheaters in der Spielzeit 2004/2005 stehen 79.920 Theatervorstellungen allein in Deutschland gegenüber, für die den Häusern 2,9 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Dieses Verhältnis verdeutlicht nur allzu gut die Stellung, die der Tanz im Rahmen der Bühnenproduktionen einnimmt und scheint eine vermeintliche Erläuterung für die negative Tendenz zu sein, Tanz im Zuge aller Kultureinsparungen gerne als erstes fallen zu lassen. Der deutsche Bühnenverein befürchtet, dass dies dem Ansehen und der Attraktivität der Tanzlandschaft in Deutschland schaden könnte.

Doch gerade durch diese Bedenken entstanden die vielen „Hilfsprojekte“ zur Unterstützung in erster Linie des freien Tanzes. Das größte Projekt ist der von der Kulturstiftung des Bundes ins Leben gerufene „Tanzplan Deutschland“. Um in die Spitzenförderung des Bundes die Sparte Tanz aufnehmen zu können, wurde diese Institution gegründet, die bis zum festgelegten Zeitrahmen von fünf Jahren 12,5 Millionen Euro von der Kulturstiftung des Bundes zur Verfügung gestellt bekommt. Auch wenn die jährliche Förderungssumme der Länder und Kommunen vierzig mal so hoch ist wie die des Tanzplans, sind die „durchschnittlich 2,5 Mio. Euro pro Jahr, die die Bundeskulturstiftung in den nächsten fünf Jahren für Tanzprojekte zur Verfügung stellen möchte, eine willkommene Ergänzung,“ so Zehelein. Mit diesem Projekt soll die öffentliche Anerkennung und das Engagement für den Tanz gestärkt werden. Im Rahmen des Tanzplans wurde zudem anlässlich des „Tanzkongresses Deutschland“ im April 2006 die in Deutschland momentan einmalige Internetplattform „dance-germany.org“ gegründet, ein Projekt der Gesellschaft für zeitgenössischen Tanz und der Stiftung Kulturserver gGmbH.

Ein weiteres Projekt des Tanzplans ist die Koproduktionsförderung des „Nationalen Performance Netzes“ (NPN). Das 1999 von sechs deutschen Tanzveranstaltern gegründete und von Bund und Bundesländern unterstützte NPN hilft Veranstaltern, die Kompanien aus anderen Bundesländern einladen wollen, mit Gastspielkostenzuschüssen in Höhe von 25%, 35% oder 50%. Im letzten Jahr wurden so ca. 250.000 Euro in die Gastspielförderung investiert. Die von der Kulturstiftung des Bundes unterstütze Koproduktionsförderung stellt seit ihrer Gründung 2005 im Rahmen eines fünf-Jahres-Plans 900.000 Euro sowohl für Einzelkünstler als auch für Kompanien zur Verfügung, die mit überregionaler Relevanz national oder international koproduzieren wollen.

Einen Hoffnungsschimmer sowohl für den freien als auch für den Bühnentanz ist die im März 2006 gegründete „Ständige Konferenz Tanz“ (SKT). Das aus 13 Verbänden, Vereinen und Organisationen und aus über 2000 Mitgliedern bestehende bundesweite Netzwerk versteht sich als deutschlandweiter zentraler Ansprechpartner für alle Akteure im Tanzbereich und soll hier über Kommunikationsschwierigkeiten hinweg helfen und bei der Umsetzung von Ideen und Konzepte der einzelnen Aktivisten unterstützen. Zudem soll die SKT die so dringend benötigte Lobby im politischen Bereich bilden. Allerdings stehen die Entwicklungen und Projekte hier noch in den Startlöchern und brauchen noch einen langen Weg durch verschiedene Prozesse, bis erste handfeste Resultate zu verbuchen sein werden.

Ob all diese Förderungsprojekte den Tanz wirklich aus seiner marginalen Position herausretten können oder doch eher in der Bandbreite der ständig neu aufkommenden Plattformen und Vereinigungen in die Gefahr der Verzettelung laufen, bleibt noch abzuwarten. Zudem scheint ein Teil der Organisationen selbst nur mangelhaft  über den aktuellen Tanzmarkt informiert zu sein, so dass es fraglich bleibt, inwiefern von diesen Projekten ein gezieltes und effektives Einsetzten der Fördergelder zu erwarten sein wird. Das Nachsehen hierbei haben zum einen die Förderer, die ihre Geldsummen in vermeintlich nützliche Projekte fehlinvestieren und zum anderen der Tanz, dem trotz aller großen Worte und Versprechungen keine wirkliche Hilfe widerfährt.

Ein Problem, das dabei so schnell wie möglich angegangen werden sollte und dieses vielversprochene Maß an Hilfe wirklich nötig hat, ist die schlechte Vermarktung des Tanzes. Obwohl sich der Tanz durch seine relativ günstigen Produktionen gut als Gastspiel eignet, fehlt noch das große öffentliche Interesse, was sich der Tanz teilweise selbst zuzuschreiben hat. Oft sind die Aufführungen so abstrakt, dass „die Leute aus dem Theater gehen und sich dumm fühlen“, so Bertram Müller vom Tanzhaus NRW. Nur wenn der Tanz für das Verständnis des Publikums zugänglich ist, kann er auch genossen werden. Und genau das ist es, was die Zukunft des Tanzes erhält. Andrea Snyder von Dance USA formuliert es sehr treffend: „Wenn die Leute einen schlechten Film sehen, gehen sie trotzdem wieder ins Kino. Wenn sie hingegen eine schlechte Tanzvorführung sehen, kommen sie nicht wieder.“ Deswegen müssen die Künstler über ihre Arbeit sprechen und in einen Dialog mit dem Zuschauer treten, damit dieser sich mit der Kunst auseinandersetzten und identifizieren kann. Auch hier findet Snyder die passenden Worte. „Wir müssen den Weg beibehalten, der uns mit dem Publikum zusammenhält.“ Zumal der Tanz über einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Kunstsparten verfügt: Er zieht vielfach das allseits begehrte jüngere Publikum in die Aufführungen. Durch den stetigen Abbau der Tanzsparte wird diese Quelle für das „Publikum von morgen“ jedoch verschüttet. Die Pflege der Tanztheaterliebhaber beinhaltet damit eine große Chance für den gesamten Kulturbetrieb. Die Bindung von tanzbegeisterten Besuchern sollte somit zur Entwicklungsaufgabe für jeden Bühnenbetrieb werden. Gerade das Potenzial des Tanzes, junge Menschen anzusprechen, muss erkannt und sinnvoll genutzt werden, statt sich im Rahmen aller Einsparungen mit der Sparte selbst die Chance auf die Zukunft wegzukürzen.

Trotz aller Hindernisse, mit denen der Tanz in Deutschland zu kämpfen hat, ist ein Antriebswind zu spüren. Zwar liegt Deutschland in der Tanzförderung noch deutlich hinter Ländern wie Frankreich, England oder den Niederlanden, aber eine positive Grundstimmung ist bemerkbar. Ein Beispiel für das weiterhin aufkeimende Interesse ist die „Internationale Tanzmesse NRW“. Hier beobachtet Kajo Nelles, Geschäftsführer der „Tanzmesse“, eine steigende Tendenz an Teilnehmern und Besuchern, auch wenn die Budgets immer knapper werden. 250 Ensembles aus 44 verschiedenen Ländern sowie 6.000 verkaufte Karten und 1.000 Fachbesucher waren auf der letzten Tanzmesse vertreten. Eine deutliche Steigerung seit der ersten Messe 2000, wo rund 100 Kompanien vertreten waren. Auffallend ist der Trend zur Kooperation zwischen den Ausstellern, die sich immer häufiger einen Stand mit anderen Kompanien teilen. „Ein knapperes Budget fördert den Kommunikationsaustausch zwischen den Künstlern. Auch ihre Darstellungen und Produkte entwickeln sich immer weiter, um für das Publikum interessanter zu werden“, beschreibt Nelles den Entwicklungstrend.

Stimmen aus der Szene

Walter Heun, Nationales Performance Netz: „Die öffentliche Anerkennung des Tanzes wird wachsen, sodass auch andere aufmerksam und ihn mehr fördern werden. Nach fünf Jahren Nationales Performance Netz wird es eine verbesserte Infrastruktur für den Tanz geben oder zumindest konkrete Zukunftspläne.“

Ingo Diehl, Tanzplan Deutschland: „Tanz ist immer gefährdet, deswegen müssen die Qualitäten des Tanzes öffentlich bewusst gemacht werden. Der Tanz an Schulen ist ein guter Ansatz hierfür.“

Linda Müller, NRW Landesbüro Tanz: „Um den Tanz wirklich stabilisieren zu können, müsste viel mehr passieren, aber die angelaufenen Projekte sind ein Schritt in die richtige Richtung.“

Adolphe Binder, Ständige Konferenz Tanz: „Es passiert momentan sehr viel, leider auch viele unschöne Dinge, aber gegen die muss man angehen. Es gibt eine Aufbruchstimmung, die genutzt werden muss, deswegen sollten wir nicht das Negative hervorkehren.“

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