Wie man mit dem Genre „Tanz“ heute Brücken in die Zukunft baut Chancen durch Jugend- und Generationsarbeit

die den meisten Theatern an Besuchern fehlen: die 30 – 50jährigen sowie die Jugend. Diese haben nicht „verlernt“ ins Theater zu gehen, sie haben es vielmehr niemals „gelernt“!

Ansatz 2: Nachdem in den letzten Jahren der Tanz immer populärer geworden ist und nahezu jedes zweite Kind (abgesehen von den dazugehörigen Müttern und Vätern) davon träumt, den Tanz zum Beruf machen zu können, wurde ein Problem ebenso schnell deutlich: Tanz hat bei den meisten Menschen völlig unterschiedliche Bedeutungen, so dass der Beruf bzw. das Dasein des Tänzers ebensolche verschiedenen Facetten und damit eine Wandlung durchlaufen hat.

Was ist Tanz, wo fängt Tanz an und wie kann gezeigt werden, was Tanz und ein Tänzerleben im „klassischen Sinne“ ist? Hat der Staat die Verantwortung, den „Träumenden“ zu zeigen, was unter Tanz zu verstehen ist, um damit Bildungs- und Kulturarbeit zu leisten? Wie kann Tanz verkauft und damit gleichzeitig das Publikum zum Kommen animiert werden? Diese Fragen beschäftigt zahlreiche Theater, Kulturämter, Veranstalter, Tanzschulen und – last but not least – die Tänzer bzw. die Ensembles selbst. Der Begriff des Tanzes ist keine philosophische Frage, es ist eine praktische Frage, denn nur durch praktische Erfahrung kann verdeutlicht werden, was Tanz ist. Aus diesem Grunde sind in den letzten Jahren praktische Angebote wie Workshops, Gesprächsrunden und Masterclasses in einigen Städten immer beliebter geworden. Dies wurde teilweise sehr positiv aufgenommen, teilweise war der Zuspruch aber auch- vorsichtig gesagt – gering. Woran liegt das? Leider ist hier die Spreu vom Weizen zu trennen und genau zu untersuchen, wie diese Angebote gestaltet und ob sie „ernst zu nehmen“ sind.

Die amerikanischen Staaten haben das Bedürfnis nach Workshops des (zukünftigen) Publikums bereits vor vielen Jahren erkannt. Amerika ist in diesem Fall – oh Wunder – ein Vorbild. Zahlreiche Tanzcompagnien haben ein regelrechtes Educationprogramm, in denen diese verschiedene Workshoparten bzw. Educationmöglichkeiten vorschlagen. Aus diesen Programmen können die Veranstalter, Theater oder sogar die Kommunen bzw. Gemeinden auswählen. Unterteilt werden diese Programmangebote in Anfänger und Fortgeschrittene, teilweise in jung und alt, teilweise in weiblich und männlich, teilweise aber auch in Bildungsniveau oder sozialen Status.  Auf diesen Zug aufspringend ist dieses Angebot langsam vor einigen Jahren nach Deutschland herübergeschwappt, jedoch nicht originalgetreu. Deutsche Compagnien bieten teilweise an ihren Haustheatern so genannte Workshops an. Während noch zu Anfang manchmal behäbig-langweilige Workshops abgehalten wurden („ein notwendiges Übel bei der täglichen Arbeit“), ist mittlerweile ein Wandel zu beobachten. Die Amerikaner scheinen uns zu belehren und zwar derart, dass diese mit ihrem eigenen Educationprogrammen nach Deutschland kommen. Dieses unterscheidet sich in großen Teilen von den meisten „Programmen“ die die hauseigenen Compagnien anbieten. Was gibt es aber für Educationprogramme? Nachstehend einige Modelle, die von Ensemble zu Ensemble jedoch differieren:

Masterclasses: Unterricht durch einen Tanzlehrer (Künstlerischer Leiter/in oder Ballettmeister/in der oder erfahrener Tänzer der Compagnie) in einem der vorherrschenden Tanzstile der Compagnie. In der Masterclass können die Besucher aktiv teilnehmen und werden „unterrichtet“, in dem die einzelnen Tanzstile vorgetanzt werden und den Partizipierenden geholfen wird, diesen Stil physisch und psychisch nachzuahmen.

Workshop 1: Es erfolgt ein Unterricht durch einen oder mehrere Tänzer. Das Ziel ist das Erlernen von Tanzschritten, das Verstehen von der Choreographie und deren Bedeutung. In diesem Workshop kann besonders interaktiv auf die Gruppe eingewirkt werden. Entscheidend ist jedoch, dass die Gruppe vorher in Anfänger, Semi-Professionelle und Tanzerfahrene eingeteilt werden, um so den größtmöglichen Nutzen für alle Teilnehmer schaffen zu können.

Workshop 2: Es werden gemeinsam diverse Schritte mit anschließender eigener Kleinchoreographie erarbeitet. Auch hier ist eine der o.g. Unterteilung wünschenswert. Besonders reizvoll ist diese Art des Workshops, weil der Unterrichtende sich selbst voll und ganz ausleben und so eine vollkommen neue Choreographie von Workshop zu Workshop entstehen kann.

School Performance: Dies ist ein Kurzprogramm für Schulen, welches in der Regel ca. 30 Minuten dauert. Hier werden die Werke der Compagnie gekürzt gezeigt oder nur ein oder zwei Choreographien der Compagnie, um den Schülern, einen Einblick in die Arbeit der Compagnie zu geben. Oftmals wird ein Gesprächskreis im Anschluss an die Vorstellung angeboten.

Question & Answer (Q&A): Q&A kann am besten mit „Publikumsgespräch“ übersetzt werden. Nach dem Schlussapplaus bleiben die Tänzer auf der Bühne und stehen Frage und Antwort und möchten einen Dialog mit dem Publikum aufbauen.

Diese Varianten zeigen, auf wie viele Arten die amerikanischen Compagnien arbeiten können. Für die Amerikaner gehört die Arbeit mit dem Publikum zu einem Teil ihres Berufslebens und wird wegen der Nähe zum Zuschauer im Allgemeinen auch von den Tänzern sehr geschätzt. Das Publikum wird nicht nur als Konsument verstanden, sondern als aktiver Teilnehmer, der seinen größtmöglichen Nutzen aus der Veranstaltung ziehen will. Dabei wird aber auch nicht außer Acht gelassen, dass es als Geldgeber (zumindest zu einem bestimmten Anteil) fungiert, das für diese Veranstaltung bezahlt hat.  Eben schon angesprochen, muss noch ein Wort über die Kosten der Educationprogramm geschrieben werden. Diese sind – wie immer – von Compagnie zu Compagnie unterschiedlich. Grundsätzlich kann jedoch Folgendes gesagt werden. Die Teilnehmer zahlen normalerweise eine Teilnahmegebühr für einen Workshop bzw. Masterclass einer tourenden Compagnie. Die Teilnehmerzahl ist zumeist auf bis zu 30 Personen begrenzt, um so allen Partizipierenden gerecht werden zu können. Die Kosten für die Teilnehmer sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Ebenso verhält es sich mit den Kosten für die Compagnie. Workshops sind generell etwas höher anzusetzen als Masterclasses, sind aber auch meistens beliebter bei den Teilnehmern. Außerdem leiten meistens ca. drei Tänzer einen Workshop. Je mehr Workshops/Masterclasses in einer Stadt angesetzt werden, desto preiswerter wird das Gesamtpaket. Bis zu vier Workshops/Masterclasses können in einer größeren Stadt angeboten werden, mit der Wahrscheinlichkeit, dass diese ausgebucht sind. Schulvorstellungen werden teilweise von den Schulbehörden gefördert und sind daher eintrittsfrei. Das Publikumsgespräch ist generell kostenlos. Es wird als Geschenk an Publikum und Tänzer von Publikum und Tänzern angesehen.  Nicht zu letzt muss erwähnt werden, dass es auch in einigen Großstädten schon seit langer Zeit freischaffende (ehemalige) Tänzer gibt, die sich mit viel Hingabe und Mühe Workshops und anderen Aufbauarbeiten in Schulen etc. widmen. Dies ist sehr ehrenhaft und ist zu unterstützen, jedoch kann ein Einzelner eigentlich nicht das ausrichten, was eine Compagnie schaffen kann, die regelmäßig tourt, und das ganz normale Tänzerleben aktiv beschreiben kann. Aber es ist ein Anfang, der allen Mut machen sollte weiterzumachen.

Durch die Educationprogramme werden die Menschen animiert, aktiv am Geschehen teilzunehmen und den Tanz verstehen zu lernen. Das Resultat ist eindrucksvoll. Nach einer Statistik genießen ca. 95 % der Teilnehmer den Workshop, 60% finden ihn toll, aber zu anstrengend, mehr als 90% wollen wiederkommen, 50% sehen, dass das Leben und die Arbeit eines Tänzers ganz anders als erwartet ist – aber 99% sehen sich danach die Vorstellung an und bringen sogar noch Freunde und Bekannte mit. 25 % wären vorher aber nicht auf die Idee gekommen, sich die Vorstellung anzuschauen. Und die Mütter und Väter – die dürfen gerne bei den Workshops zuschauen und erkennen teilweise, dass der Traum, ein Tänzer zu sein, ein schwieriger und teilweise unerfüllter Traum ist und man auch vor der Bühne glücklich sein kann. Wenn das keine bildungspolitische Arbeit ist! Der Beruf des Tänzers ist ein anstrengender, wenn auch schöner, Entbehrungen sind an der Tagesordnung und die Freude ist nur von kurzer Dauer, aber dafür ist sie da. Doch bei den Tänzern ist etwas zu beobachten, wenn diese die Workshops abhalten – sie wachsen mit ihren Aufgaben und sehen nicht mehr nur noch ihren Körper, sondern auch ihren Geist – sie sehen sich als Menschen, freuen sich über Anerkennung und erzählen frei von ihren Sorgen und Nöten.  „Das ist schön – das ist Tanz – da geht man gleich noch viel lieber ins Theater.“

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