Tanz – unterschätzt, weggespart und lebendiger den je

Betrachte man die aktuelle Situation der Tanzszene in Deutschland stellt sich nach Jahren des Wegsparens und Schließens von Tanzsparten und Companien die Frage, ob das Stadttheatermodel, wie es heute strukturiert ist , vor allem dem zeitgenössischen Tanz überhaupt noch dienlich ist. Und, will man diesem Gedanken weiter folgen, stellt sich damit gleichzeitig die Frage nach der Innovationsfähigkeit der gängigen Theaterstrukturen und somit deren Nutzen für die Gesellschaft. Und ob sich die Darstellende Kunst mit dem Verzicht auf den Inspirationsmotor Tanz nicht selbst eine wichtige Quelle ständiger Erneuerung nimmt. Oder anders gefragt: „Was wäre, wenn Tanz in seiner Rolle als Facilitator wahrgenommen würde?“

Für diesen Ansatz steht die Internationale tanzmesse nrw als weltweit bedeutendster Markplatz für zeitgenössischen Tanz. Hier treffen sich Tänzer/innen, Choreographinnen und Choreographen, Theater- und Festivaldirektoren und -direktorinnen, Kulturmanager/innen, Tanzpädagogen und -Pädagoginnen, Wissenschaftler/innen, Journalisten und Journalistinnen und ein begeistertes Publikum aus aller Welt zu einem regen Erfahrungsaustausch und zum Anbahnen neuer künstlerischer Unternehmungen. Weltweit existiert keine Veranstaltung mit ähnlichem Konzept, die sich ausschließlich dem zeitgenössischen Tanz widmet, wo Künstler/Compagnien sowie Veranstalter mit Buchungsinteresse zusammenkommen können. Auch Beratungsleistungen und Dienstleistungen für die Entwicklung von Marktkonzepten für Künstler/Compagnien werden sonst im Markt kaum angeboten. Die internationalen Hauptwettbewerber organisieren Performing Arts Markets, wo neben dem Tanz, Theater und Musik vertreten sind. Im Wettbewerb mit diesen Foren kann die internationale tanzmesse nrw ihr sehr spezielles, professionelles, basisnahes, offenes, egalitäres Profil schärfen.

„Seit mehr als 10 Jahren ist die Tanzmesse der zeitgenössischen Tanzszene als Treffpunkt und Marktplatz bekannt“, so Kajo Nelles, Leiter der Tanzmesse. „Sie ist aber auch eine Publikumsmesse. Mit einem umfangreichen künstlerischen Programm möchten wir nicht nur internationales Fachpublikum sondern auch das Tanzpublikum in Nordrhein-Westfalen begeistern. Ohne Publikum kann sich der Tanz nicht weiterentwickeln. Wir haben entschieden, der Tanzmesse einen größeren Festivalcharakter zu geben.“ Insgesamt treten in diesem Jahr vom 25.-28. August in Düsseldorf  60 Tancompagnien aus 23 verschiedenen Ländern auf den Bühnen des Düsseldorfer Schauspielhaus, Central in der Alten Paketpost,  Capitol Theater, tanzhaus nrw und der Fabrik Heeder in Krefeld auf. Special Performances im und um den Düsseldorfer Ehrenhof,  museum kunst palast oder an der Fassade des Capitol Theaters sorgen dafür, dass die Atmosphäre dieses Tanzfestes nicht  allein in den Theaterhäusern bleibt.

Die Fach- und Publikumsmesse bietet den Akteuren weltweit ein Netzwerk und ein Forum für den künstlerischen Austausch.  An Messeständen informieren internationale Tanzcompagnien, Agenturen und Kulturinstitutionen über ihre Arbeit und treffen auf Veranstalter, Manager, Tanzfachleute und Tanzinteressierte. Hier sind auch die Manager der Künstler anzutreffen, die im Performance-Programm der Tanzmesse zu sehen sind. Wer also nach neuen Impulsen für seine Institution sucht ist hier genau richtig.

Parallel zur tanzmesse veröffentlicht das nrw landesbüro tanz zum dritten Mal eine Erhebung zur wirtschaftlichen und Aufführungs-Situation des Tanzes in Nordrhein-Westfalen (weitere Infos zur Studie: www.lb-tanz.de). Darin wird deutlich, dass die angespannte Finanzlage im Jahr 2009 vor allem in den Städten und Kommunen erhebliche Auswirkungen auf die „freiwilligen“ Ausgaben hatte, wozu die Unterstützung selbständiger Compagnien zählt. Einige Städte sehen sich nicht mehr in der Lage, freiwillige Aufgaben zu finanzieren. Fast schon dramatisch mutet die Abnahme der Aufführungen nordrhein-westfälischer Compagnien sowohl im Inland als auch im Ausland an. Ein weiterer Gradmesser der Befindlichkeit in der nordrhein-westfälischen selbständigen Tanzszene ist die Frage, ob sie für die nächste Spielzeit eine neue Produktion planen. Nur noch 72% bejahen diese Frage, 13% verneinen die Frage und 15% geben keine Antwort. Dies sind die niedrigsten Werte seit 2005.

Dabei kann die Situation der nordrhein-westfälischen Compagnien von Optimisten durchaus als Hinwendung zu einer weiteren Professionalisierung interpretiert werden. Man könnte sagen: „Der Spreu trennt sich vom Weizen“.

Trotz aller Virulenz der Szene ist Tanz rückläufig, was von Fachleuten letztlich als strukturelles Problem diagnostiziert wird. Gefördert wird diese Entwicklung durch die klassische Tanzfalle, da die wenigsten Intendanten eine besondere Affinität zum Tanz haben und somit den Tanz häufig mit Blick auf Schauspiel oder Oper opfern. Herausragendes Beispiel ist die Stadt Köln, die die Tanzcompanie der Bühnen abschaffte. Seither stehen die Bühnen der viertgrößten Stadt Deutschlands, die ehemals wegen ihrer Tanzszene gerühmt war, ohne eigenes Ensemble dar und verzichtet damit auf einen Magneten für junges Publikum und Impulsgeber für Kulturszene und Gesellschaft. Statt des immer Gleichen ist allen verantwortlichen an dieser Stelle Mut zum Neuen zu wünschen.

Share
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Gastspiel, Management, Marketing, Produktion abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.