Zwanzig Jahre Shakespeare Festival Neuss

Das Globe bietet seinen Gästen eine Bühne, auf der so manche Truppe aus Nah und Fern Festivalgeschichte geschrieben hat: Europäische Ensembles, Theatermacher aus den USA, Südamerika, Afrika und Asien gastier(t)en in Neuss – manche nur einen Steinwurf entfernt wie die Schauspieler des Rheinischen Landestheaters oder gerade erst die Nachwuchstruppe des Neusser Kulturforum Alte Post; andere von jenseits des Globus ins Globe gekommen wie das Ryutopia Noh-theatre aus dem japanischen Niigata.

Der originelle Bau wird immer wieder zum Schauplatz dramatischer, komischer, experimenteller und höchst emotionaler Bühnenerlebnisse: Glühende Liebe und kochende Eifersucht, Ehrgeiz und Meuchelmord, Wortwitz und Kapriolen, mal heitere, mal boshafte Intrigen. Rund fünfhundert Zuschauer fasst das zwölfeckige Gebäude, und selbst von den beiden Rängen aus hat man stets das Gefühl, die Akteure seien zum Greifen nah, was von den Schauspielern ein ums andere Mal bestätigt wird: Die einzigartige, energiegeladene Atmosphäre und das unmittelbare Miteinander fordern und fördern mimische Höchstleistungen. Es gibt im Globe eben keine Grenzen: Man spielt nach allen Seiten wie auf einem Instrument …

Von Anfang an sorgen Dr. Rainer Wiertz als künstlerischer Leiter und Andreas Giesen als Produktionsleiter für die Kontinuität und den Erfolg der Festspiele: Regelmäßig geht Dr. Wiertz, Kulturreferent der Stadt Neuss, auf Reisen, um neue Inszenierungen kennenzulernen.

Das Globe wurde ermöglicht durch ein innovatives Zusammenwirken von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Ausgangspunkt war das hundertjährige Jubiläum des Neusser Bauvereins, der seinen Mietern und der Stadt vor dem Quirinus-Münster eine Shakespeare‑Aufführung stiften wollte.»Unmöglich«, erklärte Norbert Kentrup, der (Neusser) Gründer der bremer shakespeare company den Ratsuchenden. Doch er hatte eine Trumpfkarte im Ärmel: Man könne ja vielleicht den Globe‑Nachbau von der Landesgartenschau in Rheda‑Wiedenbrück ausleihen!? Worauf Rainer Wiertz und Klaus Harnischmacher vom Bauverein nach Ostwestfalen reisten, wo sie erfuhren, dass man zwar kaufen, nicht aber leihen könne: Viel zu kompliziert und mühsam sei’s, die 70 Tonnen schwere Stahlkonstruktion mehrmals auf- und abzubauen …

Der Rest ist bereits selbst Theater- und Stadtgeschichte. Verwaltung, Politik, Spender, Gönner und zupackende Helfer brachten alles auf, was nötig war, und so wechselte das westfälische Gartentheater für 470.000 Deutsche Mark zuzüglich einer 14%-igen Mehrwertsteuer den Besitzer und den Standort – ein Geschenk letztlich, dessen Unbezahlbarkeit damals noch niemand wirklich einschätzen konnte. Wie in einem guten Drama »stand« die Finanzierung übrigens erst vor dem Eröffnungsabend, und die letzten Pinselstriche waren noch nicht getrocknet, als der Spielbetrieb aufgenommen wurde. Vier bescheidene Vorstellungen der Bremer Compagnie eröffneten das Festival, das im Jahre 2010 seinen 20. Geburtstag feiert.

Von Anfang an arbeitet das Festival fast kostendeckend. Bei einem Volumen von 400.000 Euro beträgt der städtische Zuschuss gerade einmal 2.000 Euro. In den vergangenen Jahren lag die Besucherauslastung um 90 Prozent, jedes Jahr reisen rund 14.000 Gäste aus 150 Städten an. Die meisten Besucher kommen aus Nordrhein-Westfalen, aber es gibt auch einige, die immer wieder gern einen weiteren Weg in Kauf nehmen. Die Eintrittspreise liegen zwischen 14 und 36 Euro und natürlich gibt es Preisnachlässe für Schüler, Studenten, Gruppen etc.

Ein Viertel des erforderlichen Budgets bringt ein engagierter Kreis aus Geschäftsleuten, Privatpersonen und Firmen alljährlich auf: die „Freunde des Globe“. In diesem Jahr konnte mit der Sparkasse Neuss als Hauptsponsor eine stabile Perspektive für die kommenden Jahre hinzugewonnen werden. Das Werbe- und Marketingbudget liegt bei 17% des Gesamtvolumens.

Jeder Mitarbeiter des Kulturamtes hat seinen festen Aufgabenbereich, wenn das Shakespeare Festival beginnt. Ergänzend hat Andreas Giesen ein Team von 35 jungen Mitarbeitern zusammengestellt, das ihm bei der Einrichtung und Organisation ebenso hilft wie die Ausstatterin Susanne Wohlfahrt, die inzwischen seit zehn Jahren an der Gestaltung des kleinen Gesamtkunstwerks beteiligt ist. So entsteht jedes Jahr aufs Neue eine eigene Welt mit dem ganz besonderen »Shakes(bier)‑Garden«, der auch nach den Aufführungen zum gemütlichen Verweilen einlädt: Kräuter‑Töpfchen, Wegweiser nach Verona und Illyrien sowie flackerndes Kerzenlicht erzeugen eine Atmosphäre, die sich je nach Geschmack mit Cidre, Wein, britischem Ale oder alkoholfreien Getränken individuell gestalten lässt.

Ein Dauer(b)renner des Shakespeare Festivals ist das Education Programm: Mit seinem Humor, seiner lebendigen Art der Vermittlung und seiner direkten Ansprache des Publikums haben die Lectures mit Patrick Spottiswoode längst Kultstatus erreicht. Der Leiter des Educational Department vom Londoner Globe lässt ganz plastisch das Theater um 1600 vor den Augen des Zuschauers entstehen. Spielerisch erläutert er die Dramaturgie und die geniale Sprache Shakespeares, auch unter Einbeziehung der politischen und sozialen Hintergründe des elisabethanischen Theaters.

Ein weiteres Kernstück des Education Programms sind die Workshops für Schulklassen, in denen Shakespeare‑Expertin Dr. Vanessa Schormann einen spielerischen Zugang zu den Werken des großen Briten eröffnet. Und auch für Lehrer bietet das Festival Fortbildungen zum Thema »Shakespeare im Unterricht« an.

Erstmals wurde 2010 ein Europäisches Shakespeare‑Camp Learning aufgeschlagen. Zwanzig Menschen der verschiedensten Altersgruppen und aus verschiedenen Ländern haben eine Woche lang zusammengearbeitet, um Sprachanalyse, Sprechtraining, Einsatz von Körpersprache oder pantomimische Darstellung der Shakespeare-Gestalten zu erlernen. Die Teilnehmer/innen begegneten dem Renaissance‑Theater und den spezifischen Möglichkeiten, die das Globe eröffnet – und zugleich den besonderen Anforderungen, die es den Schauspielern abverlangt.

Lust auf Shakespeare macht schließlich auch das jährliche Festival‑Magazin »was ihr wollt«, das aktuelle Themen vorstellt, Geschichten aus Shakespeare Zeiten erzählt oder beispielsweise »so nette 400 Jahre Sonette« betrachtet. In diesem Jahr verriet unter anderem Hollywood‑Regisseur Roland Emmerich in einem Interview Einzelheiten seines neuen Shakespeare‑Films, und Fernsehkoch Horst Lichter präsentierte sein Rezept zum historischen „Schmorhuhn à la William S.“.

Für den anhaltenden Erfolg des Neusser Shakespeare Festivals bedankt sich Rainer Wiertz immer wieder gern bei Kairos, dem griechischen Gott der günstigen Gelegenheit und des rechten Augenblicks: Vom Autor bis hin zur Bühne, von den richtigen Weichenstellungen hinter den Kulissen bis zu der allgemeinen Begeisterung, die alljährlich die sommerlichen Ereignisse trägt, passt hier einfach alles zusammen. Das Globe Neuss ist in der Tat, wie er es beschreibt, der Zylinder eines Zauberers – immer an derselben Stelle und doch immer anders, mal finsteres Verlies, Narrenkäfig, Kampfarena oder Elfenring. Einmal hier gewesen, lässt einen die Magie nicht mehr los.

Interview

Andi Wie sieben Sie aus der Fülle die Perlen heraus?

Rainer Wiertz: Das Globetheater ist ein Volkstheater. Shakespeare kann nicht in jeder Stadttheaterinszenierung gespielt werden, die für eine traditionelle Guckkastenbühne entwickelt ist. Es kommt also zunächst einmal darauf an, flexible Produktionen zu finden, die mit unserer Bühne zurechtkommen.

Theatermanagement aktuell: Was verlangen Sie von einer guten Inszenierung?

Rainer Wiertz: Unsere Ansprüche für das Globe richten sich nicht in erster Linie an Kostüme oder Bühnenbild, sondern auf die schauspielerische Leistung sowie einen innovativen Umgang mit dem Text. Das Globe selbst mit seinem »Gerüste«, wie Goethe es sagte, ist das Bühnenbild.

Theatermanagement aktuell: Wie sehen Sie die bisherige Entwicklung?

Andi Giesen: Dem Gehenden legt sich der Weg unter die Füße. Wir sind immer in Bewegung, wir haben nie mit Getöse ein fest definiertes Ziel verfolgt. Das Festival ist Schritt um Schritt gewachsen. Es ist im Ganzen als ein Stück Kunst zu betrachten, das sich stetig weiterentwickelt und von einem immer weiter reichenden Netzwerk profitiert.

Theatermanagement aktuell: Woher wissen Sie, was ankommt, was Sie Ihrem Publikum »zumuten« können?

Rainer Wiertz: »Delectare aut prodesse« – »erfreuen und nützen« lautet das antike Motto fürs Theater, und das gilt auch für das Globe. Wir haben also in bislang zwanzig Jahren auch im Spielerischen eine ästhetische Erziehung geleistet und bewiesen, dass sich Theater anders darstellen kann als im herkömmlichen Guckkasten. Wir haben zeigen können, welche Fülle an Möglichkeiten das dramaturgische und bühnentechnische Konzept Shakespeares von 1600 nach wie vor in sich birgt und wie sich dadurch sogar das Verständnis Shakespeares und seiner Werke fördern lässt.

Rainer Wiertz

Kulturreferent der Stadt Neuss

Rainer Wiertz wurde 1955 in Neuss geboren. Nach dem Abitur am Quirinus‑Gymnasium studierte er von 1974 ‑ 1981 Germanistik, Romanistik und Musikologie an den Universitäten Lausanne und Düsseldorf und an der Sorbonne in Paris.

Mit einer Arbeit über Goethe und Wagner wurde er 1983 an der Philosophischen Fakultät Düsseldorf promoviert. Von 1983 bis 1986 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kulturamtes Neuss tätig. Seit 1987 ist er als Kulturreferent der Stadt Neuss zuständig für die Planung, Konzeption und Durchführung der städtischen Kulturveranstaltungen in den Bereichen klassische Musik, Tanz und Theater. Zu seinem Bereich gehören die Zeughaus‑Konzerte, das Shakespeare‑Festival im Globe Neuss und die Internationalen Tanzwochen Neuss.

Andi Giesen

Produktionsleiter Kulturamt Stadt Neuss

1965 in Düsseldorf geboren, wuchs Andreas Giesen in Neuss auf. Nach seiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher arbeitete er zwei Jahre in Schallplattengeschäften und in der Gastronomie. Als freiberuflicher Mitarbeiter einer Konzertagentur sammelte Giesen von 1985 bis 1989 Erfahrungen in der Tourbegleitung und Promotion. Seit Ende 1989 arbeitet Andreas Giesen im Kulturamt Neuss als Produktionsleiter des Shakespeare Festivals, der traditionsreichen Zeughauskonzerte und der renommierten Internationalen Tanzwochen. 2009 ließ er sich zum NLP Master Practitioner und Systemischen Coach ausbilden.

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