Jörg Eisfeld-Reschke, Gesellschafter ikosom: „Mit Crowdfunding ergeben sich Kundenbindungsmöglichkeiten, die es so vorher nicht gegeben hat“

Dadurch ergeben sie neue Möglichkeiten Förderer einzubinden, wie z.B. durch Statistenrollen als Gegenleistung für die Förderung. Generell gilt je höher die Attraktivität der Gegenleistung desto höher ist der zu erwartende Betrag. Definiert ist auch in welchem Zeitraum, wie viel zusammen kommen muss, damit die Summe ausgezahlt wird. Es gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Wird das Ziel nicht erreicht, erhält der Förderer sein Geld zurück.

TheaterManagement aktuell: Wer sind die Crowdfunder?

Jörg Eisfeld-Reschke: Grundsätzlich  können alle fördern. Das Procedere ist sehr einfach. Crowdfunding wird von allen Altersgruppen genutzt und es gibt keine regionalen Begrenzungen. Nach bisherigen Erkenntnissen zeigt sich, dass die Fördersummen mit der Bildung korrelieren, d.h. je höher die Bildung, desto höher die Förderbeträge.

TheaterManagement aktuell: Seit wann gibt es Crowdfunding in Deutschland?

Jörg Eisfeld-Reschke: In den USA gab es die erste Crowdfunding-Plattform bereits 2006. In Deutschland gibt es Crowdfunding seit letztem Jahr. Derzeit gibt es hierzulande elf Plattformen, davon sechs für allgemeine Projekte jeglicher Art und fünf spezialisierte Plattformen für die Bereiche Film, Musik oder Start-ups.

TheaterManagement aktuell: Handelt es sich dabei nicht eher um eine Form der Microfinanzierung?

Jörg Eisfeld-Reschke: Wenn man von Microfinanzierung spricht, dann geht es um Beträge um acht Euro. Der derzeit durchschnittliche Förderbetrag bei Crowdfunding-Projekten liegt bei 79 Euro. Das Volumen erfolgreicher Projekte liegt  zwischen 80 und 26.000 Euro. Projekte wurden auch schon zu 140 oder 160 Prozent finanziert. Im Schnitt liegt die Förderquote bei erfolgreichen Projekten bei 108 Prozent. Im Zeitraum von Mai 2010 bis April 2011 wurden 128 Projekte versucht über Crowdfunding zu finanzieren – etwas mehr als die Hälfte davon war erfolgreich. Heute sind es bereits mehr als 400 Projekte. Wir rechnen damit, dass im ersten Quartal 2012 insgesamt mehr als eine Million Euro in Crowdfunding-Projekte geflossen sein wird .

TheaterManagement aktuell: Wie viel Aufwand ist mit Crowdfinding verbunden?

Jörg Eisfeld-Reschke: Nur das Einstellen auf einer Plattform reicht nicht. Crowdfunding ist kein Selbstläufer. Es bedarf eines stetigen Kommunikationsaufwandes. Es gilt über den Finanzierungszeitraum von 90 bis 120 Tagen, Gründe zu schaffen, um über das Crowdfunding-Projekt zu sprechen. Die bestehende Community muss darauf aufmerksam gemacht werden. Es ist genauso aufwendig wie normales Fundraising. Der rein operative Aufwand des Einstellens ist dagegen gering und in einer Stunde lässt sich bereits eine gute Präsenz mit Video erstellen.

TheaterManagement aktuell: Wie hoch sind die Gebühren der Plattformen?

Jörg Eisfeld-Reschke: Der Anteil an den eingeworbenen Geldern variiert je nach Plattform zwischen 0 und 9 Prozent. Startnext, eine Plattform für kreative und kulturelle Projekte ist beispielsweise gemeinnützig. Grundsätzlich ist die Selektion der Plattformen sinnvoll, da Projekte nur auf einer Plattform platziert werden können.

TheaterManagement aktuell: Was war bisher die höchste Summe und wo sehen Sie die Grenzen?

Jörg Eisfeld-Reschke: Die höchste Förderung lag bisher bei 26.991 Euro. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Obergrenze für Crowdfunding-Projekte derzeit zwischen 15.000 – 20.000 Euro liegt. Mit Fördersummen im sechsstelligen Bereich rechnen wir frühestens Ende 2012 Anfang 2013.

TheaterManagement aktuell:  Wie wird Crowdfunding vom Finanzamt behandelt?

Jörg Eisfeld-Reschke: Das kommt auf die Prämie an. Ist diese materiell oder ideell. Handelt es sich um eine ideelle Prämie, ist diese solange steuerfrei, solange die 20.000 Euro Schenkungsgrenze nicht überschritten wird. Bei materiellen Gegenleistungen fallen z.B. für Bücher 7 Prozent und für T-Shirt 19 Prozent Umsatzsteuer an und die Förderbeträge sind als Einnahmen zu versteuern.

TheaterManagement aktuell:  Welche Vorzüge sehen Sie beim Crowdfunding?

Jörg Eisfeld-Reschke: Crowdfunding bedeutet die Demokratisierung des Mäzenatentums. Es gibt bereits Überlegungen für ein Matching-Modell für die Vergabe von Drittmitteln, das vorsieht die Mittelzuweisung an dem Förderbeitrag aus der interessierten Zielgruppe zu orientieren.

TheaterManagement aktuell:  Welche Tipps können Sie all jenen geben, die Crowdfunding nutzen  wollen?

Jörg Eisfeld-Reschke: Der Aufwand von Crowdfunding ist nicht zu unterschätzen, wie bereits gesagt. Richtig eingesetzt ist es ein Instrument zur intensiven Kundenbindung und Steigerung des Involvements der bestehenden Community. Dazu ist eine gezielte  Fanbetreuung erforderlich. Dabei können sich neue Austauschprozesse ergeben, die es so vorher nicht gegeben hat.

TheaterManagement aktuell:  Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Jörg Eisfeld-Reschke: Bei Crowdfunding ist der Förderer in der Regel nicht anonym. Die meisten Plattformen ermöglichen es aber die Anonymität zu wahren. Grundsätzlich erhalten nur die Plattformen die Kontodaten. Vielfach ist eine Abwicklung über die gängigen Paymentsysteme wie Paypal vorgesehen. Der Förderungsempfänger erhält die Adressdaten sowie die Prämienwünsche des Förderers zur  singulären Verwendung.

Kurztext zur Person:

Jörg Eisfeld-Reschke: Autor der „Crowdfunding-Studie 2010/2011“ und des Handbuches „Crowdfunding“, Experte für Sozialmarketing und soziale Medien und Gründer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom). An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg lehrt Jörg Eisfeld-Reschke Strategisches Fundraising-Management. http://www.ikosom.de

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Ein Kommentar zu Jörg Eisfeld-Reschke, Gesellschafter ikosom: „Mit Crowdfunding ergeben sich Kundenbindungsmöglichkeiten, die es so vorher nicht gegeben hat“

  1. Thomas sagt:

    Crowdfunding kann eine tolle Chance sein, die genutzt werden sollte. Das Interesse daran steigt immer weiter an und es ist beeindruckend zu sehen, was dadurch alles realisiert werden kann.

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