Staatstheater Augsburg – zwischen Tradition, Tatort und 3D-Reality

Foto: Heimspiel GmbH

Theater und Oper haben in Augsburg eine lange Tradition. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts wurden Opern in Augsburg aufgeführt. 1739 wurde das erste Schauspielhaus der Stadt errichtet. Seit 2016 wird nun das große Haus, das 1877 eröffnete, aufwendig saniert. Veranschlagt waren ursprünglich 180 Millionen Euro. Erfahrungen aus anderen Städten lassen vermuten, dass es dabei nicht bleiben wird. Unabhängig von den Kosten prognostiziert Kulturreferent Thomas Weitzel, dass das Haus, mit der, für die Mitte der zwanziger Jahre geplanten Wiedereröffnung, künstlerisch eine neue Entwicklung nehmen könne. So lange will Staatsintendant André Bücker sein Publikum offenbar nicht warten lassen. Mit neuen Angeboten, zahlreichen Kooperationen und unkonventionellen, neuen Formaten treibt Bücker die künstlerische Entwicklung des Theaters bereits jetzt mit seinem Team voran. Dabei hat er auch das so genannte „theaterferne“ Publikum sowie die Diversität und Vielfalt der Stadtgesellschaft im Blick.

Aktuellstes Beispiel ist die erste Oper mit Einsatz von Virtual Reality Elementen, die ab Mai im Staatstheater Augsburg aufgeführt wird. In der Inszenierung von André Bücker von „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck, wird das Publikum per VR-Brille in eine virtuelle Unterwelt eintauchen können. Erstmalig wird damit 3D-Reality im Live-Musiktheater erlebbar. 500 VR-Brillen werden für diese Inszenierung im Einsatz sein. Das Publikum erlebt das klassische Bühnengeschehen, wird aber an drei Stellen der Inszenierung für jeweils ungefähr zehn Minuten die VR-Brille aufsetzen und die Perspektive des Orfeo einnehmen. Aus seiner Sicht tauchen die Zuschauer in eine virtuelle Unterwelt hinab, in drei ganz unterschiedliche, aufwändig entworfene und digital umgesetzte Szenerien.

André Bücker hat sich auch in bisherigen Inszenierungen bereits intensiv mit Video und VR auseinandergesetzt. In der Oper „Orfeo ed Euridice“ sieht er einen künstlerischen Ansatzpunkt, um VR in einer noch viel weiterreichenden Dimension zu verwenden. VR ist hier nicht aus Technikverliebtheit im Einsatz, sondern erfüllt eine dramaturgisch-inhaltliche Funktion. „Das konventionelle kollektive Theatererlebnis, bei dem das Publikum gemeinsam in einem Raum reale Darstellerinnen und Darsteller erlebt, wird aufgebrochen, sobald Orpheus in die Unterwelt reist. Jeder im Publikum kann nun per VR-Brille die Perspektive von Orpheus einnehmen, in die Unterwelt hinabtauchen und somit eine individuelle Perspektive in einer 360-Grad-Umgebung einnehmen,“ erklärt Bücker dazu. 500 VR-Brillen sind für diese Inszenierung im Einsatz. Per VR-Brille erlebt das Publikum bei der komplett neuartigen digitalen Musiktheater-Produktion den Wechsel zwischen klassischem Bühnengeschehen und einer virtuellen 3D-animierten Unterwelt.

Virtual Reality und klassisches Musiktheater verbinden sich somit zum immersiven Gesamtkunstwerk. Der Wahrnehmungsraum wird um eine weitere Dimension erweitert, wofür sich, laut Bücker, der Mythos von Orpheus und seiner Reise in die Unterwelt inhaltlich förmlich anbieten.

Ermöglicht wurde das digital-innovative Pilotprojekt durch die Zusammenarbeit mit der Heimspiel GmbH, die hier als Koproduzent mit eingestiegen ist. Nur durch zusätzliche Akquise weiterer Spezialisten konnte die Agentur den Aufwand an technischer Expertise, Kreativität und Technologie leisten, der für eine solche VR-Schau erforderlich ist. Insgesamt haben bei Heimspiel 17 Spezialisten für Audioproduktion, Grafikdesign und 3D-Art, VR-Creation und -Regie sowie Computerspiel-Engine Programmierung (unreal engine) aus der Game-Branche mitgewirkt. Heimspiel war bereits an den Inszenierungen von »Die nötige Folter« und Jules Massenets »Werther« (beides 2019) am Staatstheater Augsburg beteiligt.

Im Theatersaal werden die 500 VR Brillen über ein High Density WLAN-Netzwerk gesteuert. Die als stereoskopischer 360°Grad-Animationsfilm geschaffene, virtuelle Unterwelt wurde teilweise in Computerspiele-Engine (unreal engine) und in herkömmlicher 3D-Software erstellt. Dazu wurden die Bewegungen der Figuren teilweise im Motion capture-Verfahren aufgezeichnet. Insgesamt sind ca. 29 min VR-Erlebnis entstanden, die die Zuschauer in drei Teilen erleben können. Der knapp 13-minütige Teil im zweiten Akt besteht allein aus 21.000 Einzelbildern mit einem Datenvolumen pro Bild von ca. 50 MB. Das Erzeugen (Rendern) eines Bildes beanspruchte ca. 4-8 Minuten.

Auch das Stadttheater Ingolstadt ist Koproduzent der Inszenierung. Dort wird sie in der kommenden Spielzeit (voraussichtlich April 2021) zu erleben sein. Das Theater befasst sich schon länger mit Digitalisierung und richtet in diesem Jahr bereits zum dritten Mal den „Futurologischen Kongress“ aus. Dr. Judith Werner, stellvertretende Intendantin des Stadttheater Ingolstadt, findet, dass die Augsburger Inszenierung daher gut zu ihrem Haus passt. Denn auch in Ingolstadt geht es darum, in welcher Form VR für das Theater einen Mehrwert darstellt, was für neue Erzählebenen möglich sind.

Unter der Leitung von Wolfgang Katschner und mit Mitgliedern der lautten compagney Berlin gestalten die Augsburger Philharmonikern den Orchesterpart der Oper. Durch dieses Knowhow an historisch informierter Musizierpraxis und die einmaligen Klangfarben der Originalklang-Instrumente, wird die Inszenierung auch musikalisch um eine Dimension erweitert, freut sich auch die Leitende Dramaturgin Sophie Walz.

Virtual Reality – das soll im Staatstheater Augsburg kein vorübergehendes Highlight sein, sondern vielmehr in die Zukunft weisen, meint André Bücker: „Das soll nicht nur ein einmaliges künstlerisches Ereignis sein, sondern das soll uns auch weiterführen. Wir wollen uns auch in den nächsten Jahren weiter mit den ästhetischen Möglichkeiten dieser Techniken beschäftigen, was auch der Startschuss für eine Fünfte Sparte sein soll. Dabei beschäftigt uns: Wie kann die digitale Sparte eines Staatstheaters aussehen? Was für Möglichkeiten und Aspekte gibt es? Schon in der kommenden Spielzeit werden wir mit einer neuen künstlerischen Produktion in diese Richtung weitergehen.“

Share
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.