Interview mit Prof. h.c. Frank Serr: – Inhaber von Showservice International: „Viele Veranstalter werden nicht überleben“

Prof. h.c. Frank Serr  / Foto: Showservice International e.K.

Frank Serr produziert seit fast 25 Jahren Shows und Musicals, mit denen er europaweit auf Tournee ist. Viele dieser Produktionen werden von kommunalen Veranstaltern eingekauft, andere bringt Serr selbst auf die Bühne. theatermanagement aktuell hat mit Prof. h.c. Frank Serr über die Folgen der Corona-Krise auf sein Unternehmen und die Live-Branche gesprochen.

tma: Wurden Sie von den Absagen aller Veranstaltungen überrascht oder hatten Sie schon damit gerechnet?

Frank Serr: Als die ersten Meldungen über eine mögliche Pandemie durch die Medien geisterten, waren wir noch entspannt. China ist weit weg und es war ja nicht das erste Mal, dass eine Pandemie grassierte. Bislang hat das die Veranstaltungsbranche kaum tangiert. Wahrscheinlich dachten zu diesem Zeitpunkt die meisten Menschen so. Da wir mit unserer laufenden Tournee „CHAPLIN – Das Musical“ nicht nur in Deutschland, sondern u.a. auch in der Schweiz gastierten, mussten wir aber bald feststellen, dass es dieses Mal wohl etwas ernster wird. Die Schweizer Veranstalter waren, aufgrund der Nachbarschaft zu Italien, schon früher in Alarmbereitschaft als wir in Deutschland. Zunächst sah es aber so aus, als ob wir die Tournee durchführen können. Aber nach der Regierungsansprache von Frau Merkel und Herrn Söder am 12.03. war uns klar, dass dies nicht der Fall sein wird. Dort hieß es, dass empfohlen wird alle Veranstaltungen, auch die unter 1.000 Personen, die nicht unbedingt notwendig sind abzusagen. Da war es nur noch eine Frage der Zeit bis zur Absage der Tournee. Erwischt hat es uns dann aber in Wil in der Schweiz. Unsere Techniker hatten bereits die Show aufgebaut, als dort das Aufführungsverbot umgesetzt wurde. Da hieß es abbauen und alle Produktionsteilnehmer nach Hause schicken.

Übrigens: Der Wortlaut „empfohlen“ in der Regierungsansprache vom 12.03. war nicht wirklich gut gewählt. Das stellte keine Anordnung dar und Absagen von Veranstaltungen erfolgten zu diesem Zeitpunkt noch aus reiner Vorsicht oder Unsicherheit. Rechtlich war das keine „Höhere Gewalt“ und unsere Veranstalter, die dieser Empfehlung nachkamen, waren dadurch nicht berechtigt Mietverträge mit den Veranstaltungshallen, Dienstleistern oder Hotels kostenfrei zu stornieren. Obwohl sie moralisch richtig handelten, tappten die Veranstalter so in eine enorme Kostenfalle.

tma: Wie viele Ihrer Veranstaltungen sind davon bislang betroffen? Haben Sie schon Ersatztermine gefunden?

Frank Serr: Bislang sind bei uns 20 Veranstaltungen betroffen. Je nachdem wie lange die aktuellen Schutzmaßnahmen noch andauern, kann sich das aber weiter erhöhen. Mit einigen Veranstaltern und Spielstätten konnten wir bereits Ersatztermine finden. Bei anderen gestaltet sich die Suche etwas schwieriger. Das hängt damit zusammen, dass momentan natürlich viele Veranstalter versuchen Ersatztermine zu finden. Hinzu kommt, dass die meisten Verwaltungen der Stadthallen und Locations auch von den Maßnahmen und Einschränkungen der Corona-Krise betroffen und deshalb nicht entscheidungsfähig sind. Manche kommunale Veranstalter haben uns aber auch klar gesagt, dass eine Verlegung der Show nicht in Frage kommt, da das Verlegen Mehrarbeit bedeutet. Das ist für uns natürlich besonders hart, denn damit verlieren wir jede Chance den Verlust irgendwann wieder aufzufangen! Grade von den kommunalen Veranstaltern hatten wir mehr Solidarität erwartet. Bedenkt man, dass wir mit unseren Produktionen Einnahmen nur während der Spielzeiten, also von November bis April/Mai, erzielen können, ist die aktuelle Situation für uns ein herber Schlag.

tma: Führen Sie diese Veranstaltungen auf eigene Rechnungen durch oder haben Sie die Veranstaltungen an lokale Veranstalter verkauft? Welchen Unterschied macht das für Sie in der aktuellen Situation?

Frank Serr: Sowohl als auch. Die meisten Veranstaltungen führen wir nicht in Eigenregie durch, sondern haben unsere Produktionen an örtliche Veranstalter verkauft. Das bedeutet bei einer Absage aufgrund behördlicher Anordnungen (wie jetzt geschehen), erhalten wir keine Gage und bleiben auf den bisher entstandenen Produktionskosten (Proben, Bühnenbild, Bühnentechnik, Personalkosten, Fuhrparkkosten, Planungskosten, Hotelkosten, etc.) sitzen. Schließlich werden wir nur bezahlt, wenn wir dafür auch eine Leistung erbringen… Wenn wir selbst veranstalten, müssen wir (zum aktuellen Stand) die Ticketkäufe rückabwickeln und bleiben ebenfalls auf den bislang entstandenen Kosten sitzen. D.h. zusätzlich zu den Produktionskosten müssen wir noch die bereits angefallenen Kosten für die Bewerbung und zusätzliche Personal- und Planungskosten tragen. Natürlich haben wir in diesen Fällen umgehend Ersatztermine gesucht um den Schaden möglichst zu minimieren. Aber eine Verlegung bedeutet auch, dass wir die doppelten Werbekosten haben!

tma: Gibt es Ausfallbürgschaften oder Versicherungen, die in derartigen Fällen einspringen?

Frank Serr: Möglicherweise gibt es das. Aber mal ganz ehrlich, wer hätte vor einem Jahr an Corona gedacht und eine solche Situation abgesichert?

tma: Womit sind Sie derzeit beschäftigt? Sind Sie voll damit beschäftigt, Termine zu verlegen oder planen Sie schon neue Produktionen?

Frank Serr: Momentan liegt unser Augenmerk darauf ausgefallene Termine zu verlegen um eine mögliche Fortsetzung der CHAPLIN-Tournee im Herbst umzusetzen. Unser Team im Back-Office arbeitet zum Teil 24 Std am Tag – Wochenende gab es nicht. Wir haben versucht alles Menschenmögliche zu tun, damit die Tournee durchgeführt bzw. Termine verlegt werden können. Die Planung kommender Produktionen begleitet uns ohnehin das ganze Jahr. Die Vorlaufzeit von der Idee bis zur Umsetzung einer Tournee beträgt 2-3 Jahre. Allerdings merken wir auch, dass die Arbeit von Tag zu Tag weniger wird. Vor allem deshalb, weil viele unserer Kunden zurzeit nicht entscheidungsfähig sind und weil uns Ansprechpartner aufgrund von Kurzarbeit nicht zur Verfügung stehen. Außerdem ist der Ticketverkauf für Veranstaltungen ab November gleich null.

tma: Inwieweit sind durch die jetzige Krise auch künftige Produktionen betroffen?

Frank Serr: Das wird sich noch zeigen. Wir mussten bereits Veranstaltungen absagen, die im Juni geplant waren. Momentan gehen wir davon aus, dass wir im Herbst wieder Veranstaltungen durchführen können. Ob das realistisch ist, oder ob uns eine zweite Corona-Welle erfasst, werden sehen. Und wie gesagt, der Ticketverkauf für Veranstaltungen ab November ist gleich null!

tma: Lassen sich Termine überhaupt verlegen, da die Künstler ja sicher auch schon für Nachfolgeprojekte gebucht sind?

Frank Serr: Das ist kein einfaches Thema. Momentan herrscht unter den Künstlern natürlich eine große Unsicherheit. Viele haben Existenzängste, weil ihnen von heute auf morgen jede Einnahmequelle versiegt ist. Und da keiner weiß wie und wann es weiter geht, stehen auch Folgeengagements in den Sternen. Gemeinsam mit den Darstellern und den Technikern haben wir es geschafft einen Zeitraum zu finden, in dem wir „CHAPLIN – Das Musical“ wieder aufnehmen könnten. Jetzt hängt es an den Veranstaltern und den Spielstätten, ob wir die Wiederaufnahme auch realisieren können. Vorausgesetzt das bis dahin jeder durchhält.

tma: Welche personellen Folgen hat das für Sie – müssen Sie die Künstler, Techniker usw. weiter bezahlen, trotz abgesagter Termine? Was sehen die Verträge mit Ihren Künstlern in solchen Situationen wie jetzt vor?

Frank Serr: Für eine Veranstaltung, die aufgrund einer behördlichen Anordnung abgesagt wurde, können wir kein Honorar von unseren Veranstaltern fordern. Unsere fest angestellten Mitarbeiter haben natürlich weiterhin Anspruch auf ihren Lohn. Das stellt uns aktuell vor die gleichen Herausforderungen wie viele andere Unternehmen auch. Wir haben weniger Arbeit aber hohe laufende Kosten. Viele unserer Darsteller sind auch als freischaffende, selbstständige Künstler tätig und werden nur bezahlt, wenn eine Leistung erbracht wurde, also ein Auftritt erfolgte.

Ich möchte an dieser Stelle ein Rundschreiben des BDKV zitieren: „In der Veranstaltungsbranche sind rund 3.000 selbstständig tätige Inhaber von Veranstaltungsunternehmen, sowie rund 30.000 sozialversicherte und geringfügig Beschäftigte tätig. Dieser Wirtschaftssektor nimmt die Spitzenstellung innerhalb der Wertschöpfungskette der Deutschen Entertainmentmärkte ein. Gemäß letzter Marktstudie, die von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des BDKV durchgeführt wurde, beträgt der Umsatz mit Konzert- und sonstigen Veranstaltungen jährlich rund 5 Mrd. Euro. Die durch Musikveranstaltungen induzierten Ausgaben im Musiktourismus summieren sich auf weitere rund 5 Mrd. Euro pro Jahr. Allein auf Hamburg entfallen mit 2,3 Millionen fast so viele Musik-Kurzurlaubsreisen wie auf Berlin (1,2 Mio.), München (0,6 Mio.), Stuttgart und Dresden (je 0,3 Mio.) zusammen. Selbstverständlich haben wir uneingeschränktes Verständnis für alle gebotenen gesundheitsschützenden Maßnahmen. Die flächendeckende Absage von Musik- und sonstigen Veranstaltungen werden viele Veranstalter allerdings wirtschaftlich nicht überleben. Die Auswirkungen für unsere Wirtschaft wären erheblich, denn betroffen wären auch die Künstler, sowie die zahlreichen vom Veranstaltungsgeschäft abhängigen Dienstleister – angefangen mit Hallenbetreibern, Technik-Verleihern, Sicherheitsunternehmen, sowie vielen anderen Unternehmen, die mittelbar bzw. unmittelbar an der Wertschöpfungskette beteiligt sind.“

tma: Können Sie Ihren bisherigen finanziellen Schaden schon beziffern?

Frank Serr: Nein, das hängt auch davon ab, welche Veranstaltungen wir nachholen können und welche nicht. Bereits entstandene und laufende Kosten liegen aber schon jetzt im höheren sechsstelligen Bereich. Eins ist sicher: Müssen weitere Veranstaltungen aufgrund behördlicher Anordnungen abgesagt werden, droht zahlreichen Veranstaltungsunternehmen der wirtschaftliche Kollaps. Zwei börsennotierte Unternehmen des Wirtschaftszweiges mussten bereits Kurseinbrüche in zweistelliger Höhe hinnehmen.

tma: Ab wann glauben Sie, wird der Konzertbetrieb wieder weitergehen?

Frank Serr: Wir hoffen auf den Herbst und appellieren gleichzeitig an die Vernunft der Menschen sich an die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu halten. Nur so hat die Veranstaltungsbranche eine Chance zu überleben.

tma: Machen die Politik bzw. Ihre Verbände etwas um den Schaden zu begrenzen?

Frank Serr: Der BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft e.V.), hat daher bereits vor drei Wochen angeregt, dass der Rückerstattungsanspruch des Ticketinhabers ausgeschlossen ist, wenn der Veranstalter die untersagte Veranstaltung innerhalb eines Jahres nachholt. Entsprechende Gesetzesvorlagen befinden sich in Österreich, Italien, Belgien und Dänemark bereits in der Umsetzung. Nachdem der Gesetzesentwurf für ein solches begrenztes Leistungsverweigerungsrecht für von der Corona-Krise betroffene Schuldner nicht umgesetzt wurde, hat das sog. „Corona-Kabinett“ nun eine Lösung über eine Gutschein-Regelung gebilligt. Demnach darf der Veranstalter für Tickets, die vor dem 08.03.2020 erworben wurden, anstelle einer Erstattung einen Gutschein ausstellen. Dieser Gutschein soll bis zum 31.12.2021 befristet sein. Wird er bis zum Stichtag nicht eingelöst, muss der Ticketpreis erstattet werden. Diese Regelung ermöglicht es den von der derzeitigen Lage betroffenen Veranstaltern, abgesagte Veranstaltungen zu verlegen. Im Fall einer unvermeidbaren Absage muss das Ticket zwar erstattet werden, es ist aber zu erwarten, dass die Rückerstattungswelle sich durch diese Maßnahme etwas abmildert oder zumindest verzögert. Das wäre eine große Hilfe, um die aktuellen Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Möglicherweise kann so auch die eine oder andere Insolvenz verhindert werden, ohne dabei die öffentlichen Kassen zu belasten. Auch für die Inhaber von Tickets abgesagter Veranstaltungen ist diese Lösung meines Erachtens zumutbar.

tma: Wird sich Ihr Geschäft in irgendeiner Form aufgrund der Erfahrungen mit der jetzigen Situation verändern. Ziehen Sie irgendwelche Lehren daraus?

Frank Serr: Das ist eine schwere Frage. Persönlich hoffe ich das so etwas nie wieder vorkommt. Jedoch werden sich mit Sicherheit viele Verträge ändern. Geprüft werden muss auch wie so eine Pandemie und die damit zusammenhängenden Veranstaltungsabsagen rechtlich abgesichert werden können. Auch kann man sich überlegen, ob bei einer Absage von öffentlichen Veranstaltungen diese über das Internet übertragen werden dürfen. Das ist bei uns als Notfallplan für die Zukunft auf der Agenda. Voraussetzung ist natürlich, dass das Internet nicht kollabiert, wenn Schüler, Eltern und alle Mobile- oder Homeoffice Worker gleichzeitig online sind. Aber das ist ein anderes Thema.

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