Musikfestivals formulieren Ansätze zur Krisenbewältigung

Foto: Albrecht Fietz (fietzfotos | Pixabay)

Nachdem Künstler*innen in existenzielle Not geraten sind, droht nun auch der Veranstalterbranche ein Kahlschlag. 40 Festivals aus ganz Deutschland haben als Erstunterzeichner und stellvertretend für Hunderte weitere, einen Forderungskatalog in einem offenen Brief an die Regierung formuliert. In ganz finden Deutschland rund 600 Musikfestivals mit internationaler Ausstrahlung statt. Mit insgesamt etwa 400 Millionen € Gesamtumsatz und einer vielfachen Wertschöpfung sind sie zudem ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In ihrem Brief stellen die Autoren die Bedeutung von Musikfestivals für die Menschen in unserer Gesellschaft sowie die Bedrohungen dieses Kulturgutes aufgrund der Folgen, der, von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen zum Umgang mit dem Corona-Virus heraus. Als Grundlage für gemeinsame Gespräche zur Entwicklung sinnvoller Maßnahmen zum Schutz vor kulturell verwaisten Landstrichen und dramatischen Verlusten für unser kulturelles Leben haben die Initiatoren folgende konkrete Forderungen formuliert:

Die Forderungen (im Wortlaut des Briefes):

  1. Klare Sprache in den Verfügungen!
    In der Krise muss die Politik differenzieren und darf die Vielzahl der Kulturinstitutionen und Veranstalter nicht in einen Topf werfen! Klare und einheitliche Regelungen müssen sein. Was ist „Höhere Gewalt“? Was ist eine „Großveranstaltung“? Wer definiert rechtssicher das Andauern einer Pandemie? Mit frühzeitigen und langfristigen Verfügungen können wir besser arbeiten als mit einer anhaltenden Unsicherheit und nebulösen Allgemeinplätzen. Es kann nicht sein, dass Festivalmacher*innen mit der Entscheidung zur Absage allein gelassen werden und sich in nicht zu beziffernde Haftungsrisiken begeben.
  1. Gleichbehandlung von Kultur mit Sport, Religionsgemeinschaften und Wirtschaft!
    Strenge Hygiene- und Abstandsregeln können auch bei Kulturveranstaltungen umgesetzt werden. Kultur besteht nicht nur aus Großveranstaltungen. Es gibt ausreichend Repertoire für variable Besetzungen und viel Kreativität für alternative Formate. Kulturinstitutionen und Künstler*innen können auf diese Weise Verluste mindern.
  1. Planungssicherheit für die nahe Zukunft!
    Festivalmacher*innen mit Veranstaltungen in den kommenden Monaten müssen täglich zwischen professioneller Vorbereitung für eine erfolgreiche Durchführung und den Risiken einer drohenden Absage abwägen. Hier braucht es schnell verlässliche Kriterien und klare Rahmenbedingungen in Bezug auf die zukünftige Zuwendungsfähigkeit der Kosten. Bei vielen Festivals stehen darüber hinaus Verhandlungen über öffentliche Mittel des nächsten Jahres an. Wir fordern eine möglichst pauschale Ansetzung und Bewilligung der durchschnittlichen Zuwendungen der vergangenen drei Festivalausgaben. Die Finanzierung von Festivals darf nicht unter „Freiwillige Leistungen“ subsumiert werden.
  1. Faire Behandlung für alle Festivals!
    Die Krise trifft die Festivals zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Es darf kein Wettrennen um Rettungsfonds geben. Auch Festivals im weiteren Verlauf des Jahres leiden unter Planungsunsicherheit. Eintrittsgelder, Spenden und Sponsoring gehen massiv zurück. „First come, First served“ darf kein Grundsatz öffentlicher Kulturförderung sein.
  1. Hilfe für die Essenz aller Festivals: die Künstler*innen!
    Es sind vor allem freiberufliche Künstler*innen und freie Ensembles, die unsere Festivals zum Strahlen bringen. Die Schäden gehen aktuell einseitig zu Lasten dieser Künstler*innen. Wir fordern, dass auf allen Ebenen Ausfallhonorare sowie bereits entstandener Aufwand für Vorbereitung und Reisekosten als zuwendungsfähig anerkannt und damit auch ausgezahlt werden können. Im Idealfall gibt es ein einheitliches Verfahren auf den Ebenen Europa, Bund, Land, Kommunen und Landkreisen. Externe Berater*innen warnen derzeit vor der Gefahr, bei Zahlung ohne vereinbarte Leistung die Gemeinnützigkeit zu verlieren. Dazu darf es nicht kommen.
  1. Bewilligungszeiträume bis Ende 2021 verlängern!
    Den Umfang der Schäden zu ermitteln ist eine komplexe Rechenaufgabe. Dazu benötigen wir Zeit. Oft arbeiten wir nur in kleinen Teams und sind derzeit ohnehin mit der Bewältigung der Krise (Ticketrückerstattung etc.) stark gefordert. Die Abwägung zwischen Verschiebung und Absage bedarf einer behutsamen und überlegten Planung. Wir fordern die pauschale Verlängerung der Projekt- und Abrechnungszeiträume für alle öffentlichen Mittel bis zum 31.12.2021.

Darüber hinaus fordern wir:

Einheitliche Regeln schaffen
Regelungen für einzelne Bundesländer greifen zu kurz und sind nicht vermittelbar. Unsere Künstler*innen kommen aus vielen Ländern und Regionen Europas. Groß denken! Europäisch denken! In jedem Fall muss der Bund mit klaren Aussagen vorangehen. Momentan wartet ein Förderer auf den anderen.

Finanzierung vereinfachen
Musikfestivals sind zu großen Teilen privat und mit viel ehrenamtlichem Engagement organisiert und finanziert. Staatliche und kommunale Stellen beteiligen sich auf Antrag mit Zuwendungen. Die Antragsverfahren müssen vereinfacht und als Festbetragsfinanzierung ausgeführt werden. Spenden und Sponsoring von privater Seite müssen gerade jetzt noch attraktiver gemacht werden, damit unsere Unterstützer für ihr persönliches Engagement in der Krise belohnt werden.

Rücklagen und Zukunftssicherung
Eingenommene Mittel müssen auf das Folgejahr übertragbar sein. Auch gemeinnützige Träger müssen Rücklagen bilden dürfen.

Faire Behandlung unseres Publikums und der Künstler*innen
Künstler*innen sind keine Dienstleister, sondern Partner. Wenn Zuschauer*innen den Gegenwert ihrer Tickets spenden, haben sie dabei nicht die Entlastung öffentlicher Haushalte im Sinn. Wer Spenden von Ticketkunden annimmt, muss das Geld auch den Künstler*innen zukommen lassen dürfen.

Zukünftige Lastenverteilung
Wir müssen uns bereits jetzt auf eine zukünftige, solidarische Lastenverteilung verständigen.

Ansprechpartner:
FORUM MUSIK FESTIVALS

c/o Int. Händel-Festspiele Göttingen
Tobias Wolff – Geschäftsführender Intendant

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