Kultursponsoring – Segen oder Fluch?

Wir haben Experten und Praktiker zum Umgang mit Sponsoren und Sponsoringgeldern befragt.

Unsere  Fragen:

1) Gibt es Branchen, die Sie für Ihre Institution bzw. den Kulturbetrieb von vornherein in puncto Sponsoring ausschließen würden? Wenn ja, wie definieren Sie die Grenzen für unakzeptables unternehmerisches Handeln?

2) Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht das persönliche Handeln und öffentliche Aussagen von Führungskräften und Mitarbeitern eines Unternehmens, für die Eignung des Unternehmens als Sponsor?

3) Welchen Einfluss wird die aktuelle ethisch-moralische Diskussion über die Eignung von Unternehmen als Sponsoren, auf Ihre zukünftigen Sponsoringaktivitäten und Sponsorengespräche haben?

Prof. Dr. Matthias Almstedt
Kaufmännischer Direktor
Saarländisches Staatstheater GmbH

1) Nein, nicht grundsätzlich. Wir würden im Einzelfall entscheiden, ob das Wertesystem des Unternehmens zu dem unseres Theaters passt.
Inakzeptabel wäre für uns auch ein Eingriff in das künstlerische Produkt, also eine Einflussnahme z.B. auf die Auswahl des Regieteams oder die Ausrichtung des Regiekonzepts. Auch ein nicht künstlerisch motiviertes Product-Placement im Bühnengeschehen schließen wir aus.

2) Wenn es sich dabei um die Repräsentanten der Unternehmen handelt, dann gilt dasselbe wie zu Frage 1). Sind die Aussagen für uns als Theater akzeptabel oder widersprechen Sie unserem Wertesystem?
Wenn es um (inoffizielle) Aussagen einzelner Mitarbeiter geht, die an die Öffentlichkeit geraten, ist dieses im Zweifel eher ein Problem des Sponsors.

3) Die ethisch-moralische Diskussion hat es schon immer gegeben (Beispiele: Ausbeutung Dritte Welt, Bankensystem, Atomstrom, Tabakkonzerne). Im Moment liegt der Fokus der Diskussion gerade sehr stark auf dem Thema Umwelt- und Klimaschutz. Hier gilt auch die Aussage, dass das Theater das Wertesystem des Sponsors akzeptieren können muss.

Hans-Conrad Walter
Geschäftsführer
Causales – Gesellschaft für Kulturmarketing und Kultursponsoring mbH

1) Causales hat in den letzten 15 Jahren über 275 Kulturanbieter aus ganz Europa im Sponsoring beraten. Eine Zusammenarbeit mit der Rüstungs- oder Pornoindustrie wird unisono von all unseren Kunden ausgeschlossen, eine Zusammenarbeit mit Tabak- oder Alkoholkonzernen, wenn unsere Kunden Formate für Kinder- und Jugendliche entwickeln. Und auch wir nehmen potenzielle Partner für den KulturInvest!-Kongress und den Europäischen Kulturmarken-Award im Vorfeld genau unter der Lupe.

2) Seitdem im Jahr 2013 bekannt wurde, dass der Inhaber der Hotel- und Restaurantgruppe Mövenpick, August von Finck, die AfD unterstützt, haben die Kulturanbieter dem Konzern die rote Karte gezeigt. Als darüber hinaus noch bekannt wurde, das Finck die Markenrechte des Degussa-Konzerns übernommen hatte, der über Tochterfirmen das Zyklon B für die Gaskammern der KZs lieferte und in seinen Schmelzöfen das Zahngold der vergasten Juden eingeschmolzen wurde, bekommt nun auch die Degussa keinen Fuß mehr als Sponsor oder Spender in einen Kulturbetrieb.

3) Kultursponsoring ist ein wirkungsvolles Marketinginstrument für Unternehmen, aber auch eine wichtige Finanzierungsquelle für Kulturprojekte. Grundlage dafür ist ein gegenseitiger Imagetransfer, der hochverdichtete Assoziationen in den Köpfen einer besonders kritischen Zielgruppe erzeugt. Eine Debatte um etisch-moralische Eignung von Sponsoren muss im Vorfeld unbedingt geführt werden, denn Kulturanbieter sind keine Waschmaschine für schmutziges Geld, keine Bühne für Rassisten und demokratie- sowie klimafeindliche Botschaften.

Mehr lesen…

Share