Der Silbersee ist nicht nur ein Ort für Schatzsucher, sondern auch ein liebevoller Euphemismus für das Meer grauer Haarpracht in vielen Theatersälen – sprich: die Überalterung des Publikums. Noch ist das kein Drama. Die Reihen füllen sich zuverlässig mit jener Generation, die über Zeit und Mittel verfügt und den Weg ins Theater als selbstverständlichen Teil ihres kulturellen Lebens begreift. Systemimmanent ist das ohnehin.
Und doch stellt sich die Frage mit wachsender Dringlichkeit: Wer folgt? Wer sitzt im Parkett, wenn die Boomer abtreten? Zwischen Streamingdiensten à la Netflix, algorithmisch kuratierten Feeds und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Unterhaltung scheint das Theater für viele Jüngere oft nur noch eine Option unter vielen – und nicht unbedingt die naheliegendste.
Dass es auch anders geht, zeigt das Thalia Theater in Hamburg. Das vielleicht unspektakulärste und zugleich wirksamste Konzept lautet: das Programm.
Mit der Inszenierung „Die Wut, die bleibt“ gelingt dort etwas, das vielerorts zur Ausnahme geworden ist: ein junges Publikum im Saal. Rund 80 Prozent weiblich, im Schnitt etwa 30 Jahre alt. Kein Zufall. Das Stück trifft einen Nerv – es verhandelt Care-Arbeit, Überforderung und jene aufgestaute Wut, die viele Frauen nur zu gut kennen. Hier wird nicht für ein Publikum gespielt, hier erkennt sich ein Publikum wieder.
Es ist ein leiser, aber entscheidender Unterschied. Und vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Theaters: weniger im verzweifelten Werben um Aufmerksamkeit, sondern in der klugen Wahl von Stoffen, die etwas mit der Gegenwart zu tun haben.
Die Intendanz von Sonja Anders setzt hier Akzente, die über den Einzelfall hinausweisen. Man möchte hoffen, dass sie bleiben.
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