Die Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin“ liefert für die kulturpolitische Diskussion eine zentrale Botschaft: Öffentliche Ausgaben für Kultur sind nicht allein als Zuschüsse zur Finanzierung künstlerischer Programme zu betrachten. Sie sind Investitionen in wirtschaftliche Wertschöpfung, Beschäftigung, Tourismus, Fachkräftegewinnung, Lebensqualität und die gesellschaftliche Infrastruktur eines Standorts. Gerade Theater, Opernhäuser, Musical- und Revuebühnen, Konzerthäuser sowie große Klassik- und Open-Air-Formate wirken weit über ihren jeweiligen Spielbetrieb hinaus.
Bühnen sind wirtschaftlich produktive Infrastrukturen
Für die untersuchten Berliner Kultureinrichtungen errechnet die Studie im Durchschnitt eine Umwegrentabilität von 3,56: Jedem Euro öffentlicher Förderung stehen mehr als 3,50 Euro wirtschaftliche Effekte innerhalb der Stadt gegenüber. Für Sprechtheater ergibt sich ein Faktor von 3,48, für Oper und Ballett von 2,70 und für Konzerthäuser von 5,10. Diese Werte bedeuten nicht, dass die Förderung vollständig als Geld an den öffentlichen Haushalt zurückfließt. Sie zeigen aber, welches Volumen an Beschäftigung, Aufträgen, Konsum, Steuern und Sozialabgaben durch die Einrichtungen ausgelöst wird.
Für die politische Argumentation ist dabei entscheidend: Große Bühnen sind personalintensive Betriebe, Ausbildungsstätten und Auftraggeber für Handwerk, Veranstaltungstechnik, Logistik, Sicherheit, Reinigung, Kommunikation, Gastronomie und zahlreiche weitere Dienstleistungen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung liegt deshalb nicht nur in den Eintrittseinnahmen. Sie entsteht aus ihrem gesamten Produktionsbetrieb und aus der Nachfrage, die Beschäftigte und Publikum in der Region erzeugen.
Publikum finanziert die Stadt mit
Den größten Teil der wirtschaftlichen Effekte verursachen vielfach die Besucherinnen und Besucher. Rund um einen Theater-, Opern- oder Konzertbesuch entstehen Ausgaben für Gastronomie, Hotellerie, Mobilität, Einzelhandel und weitere Freizeitangebote. Besonders publikumsstarke und überregional sichtbare Häuser erzeugen daher erhebliche Nachfrageeffekte in anderen Branchen.
Diese Logik lässt sich auf Musicals, Festivals, Klassik-Open-Airs und andere herausgehobene Veranstaltungsformate übertragen, auch wenn sie in der Studie nicht jeweils als eigene Kategorie berechnet werden: Je stärker ein Angebot zusätzliche Besuche aus dem Umland oder Übernachtungsreisen auslöst, desto größer ist sein Nutzen für die lokale Besuchsökonomie. Kulturpolitik, Tourismuspolitik und Stadtmarketing sollten deshalb nicht getrennt voneinander agieren.
Argument im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmen
Fast 90 Prozent der befragten Berliner Unternehmen halten das Kulturangebot für wichtig, um neue Mitarbeitende zu gewinnen; rund 85 Prozent sehen einen positiven Einfluss auf die Mitarbeiterbindung. Theater und klassische Konzerte werden dabei ausdrücklich als relevante Standortfaktoren genannt. Unternehmen verbinden Kultur zudem mit Lebensqualität, Reputation, Innovation und Teamzusammenhalt.
Für andere Städte und Regionen ist dies besonders relevant: Wo Unternehmen um qualifizierte Beschäftigte konkurrieren, gehört ein hochwertiges Kulturangebot zur sogenannten weichen Infrastruktur – ähnlich wie Bildungsangebote, Mobilität oder attraktive öffentliche Räume. Ein Theater oder Konzerthaus ist damit nicht nur eine Einrichtung für das bestehende Publikum, sondern Teil des Leistungsversprechens eines Standorts gegenüber Fachkräften, Familien, Unternehmen und Investoren.
Kultur schafft touristische Profile, die nicht beliebig austauschbar sind
In Berlin nennen 61 Prozent der Gäste Kunst und Kultur als Reisegrund. Kulturell motivierte Gäste bleiben im Durchschnitt länger und geben dadurch mehr Geld am Standort aus. Für andere Orte folgt daraus nicht, dass sie die Berliner Größenordnungen übernehmen können. Wohl aber zeigt sich ein allgemeines Prinzip: Theaterfestivals, Opernhäuser, Musicals, internationale Orchester, Sommertheater und Klassik-Open-Airs können unverwechselbare Reiseanlässe schaffen. Sie geben einer Stadt ein Profil, das sich nicht allein durch Handel, Gastronomie oder allgemeine Freizeitangebote herstellen lässt.
Gerade an kleineren und mittleren Standorten kann die relative Bedeutung eines einzelnen Hauses sogar größer sein als in Berlin. In der Hauptstadt verteilt sich die Aufmerksamkeit auf eine außergewöhnlich hohe Zahl internationaler Attraktionen. Die Studie erklärt damit beispielsweise die im Berliner Vergleich niedrigere Umwegrentabilität der Oper: Nicht mangelnde Qualität, sondern die enorme Konkurrenz innerhalb des Kulturangebots begrenzt ihre Funktion als alleiniger Reiseanlass. In Städten mit einem klar herausgehobenen Theater-, Opern- oder Festivalprofil kann die einzelne Institution dagegen wesentlich stärker als touristischer und identitätsbildender Anker wirken.
Gesellschaftliche Standortqualität
Die Legitimation öffentlicher Kulturförderung sollte dennoch nicht auf wirtschaftliche Kennzahlen reduziert werden. Bühnen schaffen kulturelle Bildung, demokratische Diskursräume, Begegnung und gemeinschaftliche Erfahrungen. Regelmäßige kulturelle Teilhabe steht laut Studie zudem in einem messbaren Zusammenhang mit Wohlbefinden und Lebensqualität. Klassische Einrichtungen können ihre Standortwirkung weiter erhöhen, wenn sie sich stärker als offene „Dritte Orte“ verstehen, Vermittlung, Outreach und Kooperationen ausbauen und auch außerhalb der Vorstellung sichtbar werden.
Was sich verallgemeinern lässt
Die konkreten Berliner Multiplikatoren sind aufgrund der Größe der Stadt, des internationalen Tourismus, der hohen Angebotsdichte und der besonderen Hauptstadtfunktion nicht unmittelbar auf andere Kommunen übertragbar. Die Wirkungsmechanismen sind es jedoch:
Kulturförderung sichert nicht nur Programme, sondern eine produktive Infrastruktur. Sie stabilisiert Beschäftigung und regionale Wertschöpfung, belebt Innenstädte und Abendökonomie, stärkt Tourismus und Stadtmarke, unterstützt Unternehmen im Wettbewerb um Fachkräfte und schafft Räume für Bildung, Begegnung und gesellschaftliche Verständigung.
Der zentrale Satz gegenüber der Politik lautet deshalb: Theater, Opern und Konzerthäuser sind keine nachgeordneten freiwilligen Extras, die man sich erst nach Erledigung der „eigentlichen“ Standortpolitik leisten kann. Sie sind selbst ein wesentlicher Teil dieser Standortpolitik. Kürzungen verringern daher nicht nur das künstlerische Angebot. Sie schwächen zugleich Beschäftigung, Besucherwirtschaft, Attraktivität, Identität und Zukunftsfähigkeit eines Standorts.
Link zur Studie:
iktf.berlin/neue-iktf-studie-zeigt-jeder-euro-kulturfoerderung-bringt-berlin-mehr-als-350-euro-zurueck/
