Februar 25, 2021

„… auch zu Shakespeares Zeiten wurden Theater
wegen Seuchen geschlossen.”

Foto: Philipp Plum

Interview mit Kai Frederic Schrickel, neues globe theater potsdam

tma: Herr Schrickel, Sie leiten, gemeinsam mit Andreas Erfurth, das Neue Globe Theater, das sich mit zeitgeistgerechten Inszenierungen beliebter Bühnen-Klassiker einen Namen gemacht hat. Als Tourneetheater sind Sie in besonderem Maße von den Folgen der corona- bedingten Veranstaltungsverbote getroffen. Wie gehen Sie damit um?

Kai Frederic Schrickel: 2020 wird für das Neue Globe Theater als kreative Bewährungsprobe in die Theater-Annalen eingehen. Bedingt durch die behördlichen Verordnungen mussten wir nach fünf Wochen intensiver und beglückender Ensemble-Proben zu Peter Turrinis „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ (nach Beaumarchais) in der Alten Münze Berlin am 20. März unsere Arbeit einstellen und unsere Premiere im T-Werk Potsdam am 16. April absagen. Das traf uns alle, Kreativteam, Ensemble und Theaterleitung, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Dass so etwas passieren könnte, Probenabbruch und Premierenabsage, damit rechnete bei uns, naiv wie wir waren, niemand. Katastrophe pur. Optimistisch wurde der Juni als mögliches Ende der Pandemie ausgeguckt, um dann die Probenarbeit wiederaufzunehmen und am 1. August die Premiere open-air in Potsdam stattfinden zu lassen. Beides hat dann tatsächlich genau so funktioniert, alle behördlichen Auflagen wurden just zum richtigen Zeitpunkt gelockert und „Figaro“ wurde ein Fest für Zuschauer und Schauspieler: Endlich wieder Theater! Endlich wieder „live and life on stage“.

tma: Wie haben Sie nach dem Lockdown die weiteren Proben organisiert?

Kai Frederic Schrickel: Die zweite Probenphase nach dem Lockdown verlief ganz anders, als zunächst geplant. Mindestabstandsregeln, Probenraumgröße in Bezug auf Ensemblestärke, Lüftungsintervalle, Maskenpflicht auf Fluren und Off-Stage, verschiedene Pausenregelungen in den Gastspielhäusern, all das galt es nun zu berücksichtigen und zu integrieren. Herausgekommen ist eine neue Inszenierung, basierend auf dem bereits Gefundenen der ersten Probenphase, aber kreativ
weiterentwickelt und mit Neugier und Spiellust umgesetzt. Tatsächlich wundern sich jetzt die Zuschauer, dass sich die Darsteller*innen nie berühren, ohne dass es Ihnen aufgefallen wäre! Oder sich zu nahe kommen in einem Stück, das immerhin von Liebe und Lüsternheit, aber auch von Intrige und Mord erzählt. Tatsächlich hat die Krise schlussendlich neue Perspektiven eröffnet und die Umsetzung, das Handling mit Auflagen, Schutzmaßnahmen, aber auch mit den Ängsten im Ensemble und dem
Willen, endlich wieder spielen zu dürfen, hat diese Produktion nachhaltig geprägt und am Ende wunderbar beflügelt.

tma: Wie geht es nun weiter? Welche Auswirkungen hat das in Zukunft auf die Stückauswahl?

Kai Frederic Schrickel: In diesem Geiste planen wir nun als zweite Neuproduktion „Don Quijote“ des jungen Berliner Autors Jakob Nolte nach Cervantes als Zwei-Personen-Schauspieler-Feuerwerk auf die systemrelevanten Bretter, die die Welt bedeuten (können), zu bringen. Sicher auch als Corona- Kompromiss, denn zwei Personen auf den nötigen Abstand zu halten, ist weitaus einfacher, als in einer Produktion wie „Figaro“, wo acht Akteure in wechselnden Rollen mit turbulentem Overdrive agieren. „Don Quijote“ kann somit auch den Gastspielhäusern, die weniger Zuschauer und somit weniger Einnahmen generieren können, preislich eine Alternative bieten, ohne auf großes Welttheater und Theaterzauber verzichten zu müssen.

tma: Das Stück wurde ja bereits 2019 erfolgreich am Deutschen Theater in Berlin mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch uraufgeführt. Wie haben Sie Ihre Inszenierung aufgebaut?

Kai Frederic Schrickel: Das Neue Globe Theater geht in der Inszenierung mit zwei Protagonisten des Hauses an den Start: Andreas Erfurth und Laurenz Wiegand beweisen als Publikumslieblinge einmal mehr ihr Talent, auch tragische Geschichten mit großer Komik auf die Bühne zu bringen – und umgekehrt. Als Grundidee dienen uns dabei die Parallelen zwischen dem Globe-Theater Shakespeares und unserer heutigen Situation. Denn auch zu Shakespeares Zeiten wurden Theater wegen Seuchen geschlossen. Fast ein Drittel der Einwohner Londons starb damals an der Pest. In Abhängigkeit von der Zahl der Toten, mussten beispielsweise die Theater schließen. Zwischen 1603 und 1613 sollen die Theater weit über die Hälfte der Zeit geschlossen gewesen sein.

tma: Welche Schussfolgerungen ziehen Sie für Ihre eigenen Produktionen daraus?

Kai Frederic Schrickel: Um damals im Angesicht der Seuche Theater produzieren zu können, unter dem Damoklesschwert von Theaterschließung und Existenzverlust, im Spagat zwischen Spiel-Lust und -Angst, mussten Formen, Dramen, Konstellationen entwickelt werden, um eine Theater-Normalität auch im Zeichen der Pandemie stattfinden lassen zu können. Wie sahen diese aus? Sind diese Spiel- und Erzähl-Formen auf unser Heute übertragbar? Und ist vielleicht das, was da am Ende herauskommt, gar nicht so anders, als es der Zuschauer von heute (er)kennt? Seit Gründung des Neuen Globe Theaters 2015 untersuchen wir immer wieder die Schnittstellen zwischen Elisabethanischem und Modernem Theater. Uns interessiert, ob gewisse Entscheidungen der damaligen Spielpraxis mit der seuchenbedingten Gesamtsituation korrelierten? Ist das Spielen im runden Globe-Theaterbau nach drei Publikumsseiten auch eine Schutzfunktion, um sich nicht gegenseitig den Bazillus (resp. das Virus) ins Gesicht zu spucken? Bietet eine leere Bühne (Wortkulisse) nicht die optimalen Voraussetzungen für Mindestabstände? Ist das Spielen unter freiem Himmel bei Tageslicht auch der Erkenntnis geschuldet, dass diese Theateraufführung in einem gut durchlüfteten Umfeld stattfinden kann? Und sind zwei Männer, die z.B. in Shakespeare’s Romeo und Julia ein heterosexuelles Paar geben, nicht per se nur ein Konstrukt, eine Theater-Behauptung, und müssen sich daher auch nicht „in echt“ küssend um den Hals fallen?

tma: Glauben Sie, dass sich unsere heutige Spielpraxis ähnlich verändern wird wie damals?

Kai Frederic Schrickel: In Zeiten der Corona-Pandemie werden diese Spielprinzipien zu Überlebens-Tools unseres Schauspielens. Zurückgeworfen auf Mindestabstände, aerosolarmes Sprechen und Kontaktverbote auf der Bühne, wollen wir mit Cervantes’ Geschichte des Don Quijote und seines Dieners Sancho Panza versuchen, eines der größten nicht stattgefundenen Abenteuer der Weltliteratur aus dieser Perspektive auf der Bühne zu erzählen. Denn dieser Don Quijote aus La Mancha ist der Prototyp des Elisabethanischen Schauspiel-Prinzips. Fast nichts, was er sieht, ist wirklich da. Der Kampf gegen die Riesen ist nicht nur ein (sinnbildlicher) Kampf gegen Windmühlen, sondern am Ende ein Kampf mit sich selbst. Oder gegen sich selbst. Gegen seine eigene Realität. Und im zweiten Teil des Don Quijote sieht sich dieser gar mit sich als literarischer Figur konfrontiert. Nichts ist wirklich. Alles ist Schein. Alles ist Theater. Die ganze Welt ist Bühne.

tma: Es wird also weitergehen, wenn auch in anderer Form?

Kai Frederic Schrickel: Wir sind auf jeden Fall wieder auf Tournee. Sowohl die Zuschauer, wie auch die Veranstalter haben gemeinsam mit uns das „Wunder“ geschafft, unter diesen noch vor einem halben Jahr undenkbaren Bedingungen, wieder Theater stattfinden zu lassen. Unsere letzte Vorstellung führte uns nach Wolfsburg ins große Scharoun Theater, wo wir die Spielzeit mit Figaro eröffnet haben. Und auch da gab es am Ende wieder stehenden Applaus und Bravorufe – sicher auch ein Statement des Publikums zum ersehnten Wiederbeginn des Schauspielbetriebs. Es bleibt spannend.

Der Beitrag ist zuerst in der Ausgabe 96 von theatermanagement aktuell erscheinen